22. Februar 2008

Persönliche Gegenstände


Eine Miniatur ihres Sohnes Louis Charles

Ein Ring mit dem Bildnis ihrer Kinder

Eine Haarsträhne der Königin in der Form von Kornähren.

Ein Täschchen mit ihren Initialen

Das Briefsiegel von Marie Antoinette

Marie Antoinette und Armand

Als es Marie Antoinette noch nicht vergönnt war selbst Mutter zu sein, suchte sie nach Ersatz der ihr Herz beglücken konnte, Sie hatte immer einige Kinder um sich, die den Leuten ihres Hofstaates angehörten, und überhäufte diese mit den zärtlichsten Liebkosungen. Seit langer Zeit wünschte sie eines selbst zu erziehen und zu pflegen.

Eines Tages stürzt ein vier- bis fünfjähriger hübscher Bauernknabe, aus Unbesonnenheit unter die Pferde der Königin, die in ihrem Wagen gerade durch das Dörfchen Saint-Michel bei Luciennes spazieren fuhr. Der Kutscher und Postillone halten die Pferde an, und das Kind wird ohne die mindeste Verletzung aus der Gefahr gezogen. Die Großmutter des Kindes eilt aus ihrer Hütte herbei, um es an sich zu nehmen; aber die Königin, die in ihrem Wagen aufgestanden war, streckt den Arm nach der alten Bäuerin aus, und ruft ihr zu, das Kind gehöre jetzt ihr, das Schicksal habe es ihr ohne Zweifel geschenkt, um sie so lange zu trösten, bis sie das Glück haben würde, selbst ein eigenes zu besitzen. "Hat das Kind noch eine Mutter?" fragte die Königin. " Nein Ew. Majestät, meine Tochter ist im letzten Winter gestorben und hat mir fünf kleine Kinder auf dem Halse gelassen." - "Ich nehme dies hier zu mir und werde für die anderen sorgen. Seid ihr damit zufrieden?" - Ach, Ew. Majestität, die Kinder sind so glücklich!" erwiderte die Bauersfrau; "aber der Jakob ist ein gar böser Junge, wird er denn auch bei Ihnen bleiben wollen?" Die Königin nahm den kleinen Jakob auf die Knie und sagte, sie würde ihn schon an sich gewöhnen, dies würde ihre Sache sein, und befahl ihrem Stallmeister, die Spazierfahrt fortzusetzen. Indes musste man sie doch abkürzen, da Jakob ein durchdringendes Geschrei erhob und der Königin und ihren Damen Fußtritte gab.
Die Ankunft der Königin in Versailles mit dem kleinen Bauernlümmel an der Hand setzte ihre ganz Dienerschaft in Erstaunen. Er schrie aus allen Kräften nach seiner Großmutter, nach seinem Bruder Louis, nach seiner Schwester Marianne; nichts konnte ihn beruhigen.
Man ließ in endlich durch die Frau eines Kammerlakaien wegtragen, die sofort zu seiner Wärterin ernannt wurde. Die anderen Kinder gab man in Pension. der kleine Jakob, den man Armand* nannte, kam zwei Tage nachher wieder zur Königin, reinweisses Kleid, Spitzen, eine rosafarbene Schärpe mit silbernen Fransen und ein Federhut hatten die wollene Mütze, das rote Röckchen und die Holzschuhe ersetzt Es war wirklich ein schönes Kind, Die Königin war darüber ganz entzückt. Jeden Morgen früh um neun Uhr musste man es ihr bringen, und sie frühstückte und speiste mit ihm, oft selbst, wenn der König dabei war, Sie überhäufte es mit den zärtlichsten Liebkosungen und verschwieg dabei den tiefen Schmerz der Sehnsucht, der ihr Herz unaufhörlich erfüllte.


*Armand das unglückliche Kind wandte sich später der Revolution zu und fiel als fast 20 jähriger in der Schlacht von Jemappes am 6. November 1792
Die obige Geschichte ist von Madame Campan niedergeschrieben, sie war Zeitzeugin und Kinderfrau bei Marie Antoinette.


Auch einer anderen Quelle habe ich erfahren, daß Jaques Armand, angeblich mit richtigen Namen Francois-Michel Gagne hieß. Jaques Armand hatte Versailles nie gemocht und war ein glühender Revolutionär. Seine Geschwister wurden von der Königin wirklich sehr unterstützt und sein Bruder Denis bekam eine Stelle als Cellist des Königs im Jahre 1787! Seine Schwester wurde von Marie Antoinette finanziell unterschtützt und bekam eine Mitgift:
Originaltext:
3000 livres provenant des bénéfices donnés par la défunte Capet"

19. Februar 2008

Abbé de Vermond ...

... einer der engsten Vertrauten der Königin Marie Antoinette, von dem die Historiker wenig sprechen, weil er hinter den Kulissen wirkte, übte einen entscheidenden Einfluss auf alle Handlungen der Königin aus. Sein Einfluss auf Marie-Antoinette hatte begonnen, als diese in einem Alter stand, wo die Eindrücke bleibend sind.
Es war leicht zu ersehen, dass es ihm nur darauf ankam, sich bei seiner Schülerin beliebt zu machen, statt sich mit dem Unterricht zu beschäftigen, Man könnte ihn sogar beschuldigen, sie in geschickter aber sträflicher Berechnung in Unwissenheit gelassen zu haben, Marie-Antoinette sprach sehr gut Französich schrieb es aber weniger gut. Und so prüfte der Abbé alle ihre Brief, bevor sie nach Wien gingen. Darauf bildete er sich nun unendlich viel ein, und dieses Moment enthüllt seinen wahren Charakter, dem es wichtiger war, in intime Geheimnisse eingeweiht zu werden als sein Lehramt in würdiger Weise auszufüllen.
Seine Einbildung war in Wien entstanden, wo Maria Theresia im erlaubt hatte, sich jeden Abend im vertrauten Familienkreis einzufinden. Damit wollte die Kaiserin ihm Einfluss auf den Charakter der Erzherzogin verschaffen, ihn aber auch selbst beaufsichtigen. Dieser Kreis bestand aus Joseph II., den älteren Erzherzoginnen und einigen Herren, die das Vertrauen Maria Theresias besassen. Die Unterhaltung der Gesellschaft drehte sich um alle jene Dinge, die Personen von hohem Rang beschäftigen: Betrachtungen über die Gesellschaft im allgemeinen, über die Fürstenhöfe, über die Pflichten der Fürsten usw.
Infolge seiner dauernden Beziehungen zum Grafen Mercy, der während der ganzen Regierung Ludwigs XVI. österreichischer Gesandter in Paris war, ist er wahrscheinlich dem Wiener Hof sehr nützlich gewesen.
Aus einfachen Bürgerkreisen stammend, für die Lehrsätze der neuen Philosophie eingenommen, legte der Abbè von Vermond dennoch ungleich mehr Wert als irgendein Geistlicher auf die Einhaltung der Hierachie des Klerus. Er selbst war eitel, schwatzhaft, fein und grob zugleich, sehr hässlich und dabei den Sonderling affektierend, Die höchgestellten Persönlichkeiten behandelte er wie seinesgleichen, ja wie Untergebene. Er scheute sich nicht, Minister und Bischöfe im Bad zu empfangen. Vermond war von der Aufnahme berauscht, die er am Wiener Hof gefunden hatte. so bewunderte er und schätzte er nur die am kaiserlichen Hof herrschenden Sitten. Ständig zog er die Etikette des Hauses Bourbon ins Lächerliche, Dadurch wurde natürlich die junge Gattin des Dauphins aufgereizt,auf Grund seiner Spottreden sich von dieser Etikette zu lösen.
Vielleicht werden manche finden, dass ich den Abbé von Vermond zu streng beurteile. Erst masste er sich die Rolle eines Vertrauten und einzigen Ratgebers der Königin an, die er mit wenig Klugheit leitete.
Ludwig der XVI. schätze den Abbé überhaupt nicht und sprach ihn in den neunzehn Jahren die er am am Franzöischen Hofe zubrachte so gut wie nie persönlich an.

Text aus dem Buch "Der Hof von Marie Antoinette" von Madame Capman

14. Februar 2008

170-jährige Sisi-Palme muss weg



Das Palmenhaus in Schönbrunn ist zu niedrig:

Der Baum droht die Decke des größten Glashauses Europas zu durchbrechen
Wien - Die Tage der 170 Jahre alten "Sisi-Palme" im Wiener Palmenhaus sind gezählt: Am 18. Februar wird die 25 Meter hohe Pflanze umgeschnitten. Ihre Krone droht das Glasdach des historischen Gebäudes im Schlosspark Schönbrunn zu beschädigen. Für "adeligen Nachwuchs" sei jedoch bereits gesorgt, betonte Günter Wimmer von den Bundesgärten gegenüber der APA.

"Wir machen es schweren Herzens", seufzte Wimmer über den bevorstehenden Umschnitt. Zurückschneiden könne man den Pflanzenriesen - eine chinesische Fächerpalme (Livistona) - nicht: "Palmen gehören zur Familie der Gräser. Sie erhalten ihre Stärke und Dicke nur durch die abgestorbenen Blätter. Wenn die obersten Triebe verletzt werden, ist es aus mit ihr", erklärte der Bundesgärtner. Die Fällung selbst könnte sich als schwierig erweisen: "Die dichten Fasern verkleben womöglich die Kettensäge", so Wimmer. Deshalb werde man mitunter mit einer Zwei-Mann-Säge arbeiten müssen.

Seit 1953 in Wien

Die betroffene Livistona zog 1953 in das historische Glashaus im Schlosspark Schönbrunn ein. Anfangs stand sie dort noch in einem riesigen Holzfass. In den 1980er Jahren musste der Glas-Eisen-Bau generalsaniert werden. "Während der 14-jährigen Renovierungsphase hat die Palme ihre Behausung gesprengt, wodurch sich die Wurzeln ins Erdreich eingegraben haben", erklärte Wimmer. Dadurch sei die Pflanze viel schneller als zuvor gewachsen.

Die "Sisi-Palme" ist ein Ableger der "Maria-Theresien-Palme". Diese stellte 1882 bei der Eröffnung des von Kaiser Franz Josef I. in Auftrag gegebenen Glashauses das Herzstück der präsentierten Pflanzensammlung dar. Wegen ihres Alters - sie war damals bereits 100 Jahre alt - wurde sie nach der österreichischen Kaiserin benannt. Bereits 1910 widerfuhr ihr das gleiche Schicksal wie demnächst ihrem "Nachwuchs": Sie musste wegen ihrer Größe gefällt werden.

Die zu fällende 170 Jahre alte Livistona wird als Nachfolgerin der "Maria-Theresien-Palme" von den Bundesgärten "Sisi-Palme" genannt. Ansonsten bestehen keinerlei belegte historische Verbindungen zwischen der Kaiserin und ihrer pflanzlichen Namensvetterin. Freunde "aristokratischer" Palmen können trotz der anstehenden Fällung jedoch beruhigt sein: Im Frühjahr soll ein 50 Jahre alter Ableger der "Sisi-Palme" in das Palmenhaus einziehen (APA)

25. Dezember 2007

Die Hofburg

Die gezeigten Bilder zeigen die Antecameras, den Zerimoniensaal und den großen Ballsaal in der 1. Etage der Wiener Hofburg. Die Bilder entstanden anläßlich einer Feier im Dezember 2007. Die gezeigten Räume wurden zur Zeit Maria Theresias neu gestaltet und wurden bei der Taufe von Marie Antoinette erstmalig genutzt. Die Ausstattung ist mit kleinen Adaptierungen noch wie im 18 Jahrhundert.
Die gezeigten Räumlichkeiten wie Trabatenstube und Ritterstube waren Vorräume zu den Audienzgemächern der Kaiserin. Die Audienzräume selbst sind heute dem österreichischen Bundespräsidenten vorbehalten und nicht zugänglich.










21. November 2007

Service à la française

Die gängigste Art im 18. Jahrhundert bei Hofe Speisen aufzutragen, war der so genannte service à la française (französischer Service). Bei diesem Service wurden die Speisen in verschiedenen Serien aufgetragen, die jeweils aus zahlreichen verschiedenen Gerichten bestanden. Wenn alle Platten der ersten Serie abgetragen waren, brachte man die Platten der zweiten Serie. Sämtliche Terrinen, Platten und Schüsseln der ersten Serie wurden oft schon aufgetragen, bevor die Gäste sich zu Tisch begaben. Dann bedienten sich die Gäste entweder selbst oder die größeren Gerichte wurden nach der Präsentation wieder abgetragen, vom Personal am Nebentisch tranchiert und anschließend wieder vorgelegt. Dieser Service war zwar ein Augenschmaus, hatte aber auch erhebliche Nachteile. Die Speisen waren nicht selten kalt, bis sie zum Verzehr auf den Teller kamen. Schließlich war diese Prozedur durch das gleichzeitige Auftragen der Serien, auch sehr personalintensiv. Von den Speisen wurde oft nur gekostet und von den Weinen und Likören nur genippt. Haupziel dieser Art, die Speisen aufzutragen war weniger der Genuss des Essens, als vielmehr und im 18. Jahrhundert sehr verbreitet, die Demonstration des eigenen Reichtums.
Der moderne französischen Service sieht denn auch etwas anders aus. Vor und Nachspeisen werden vom seitlich aufgebautem Büfett portioniert, während die Hauptspeisen und Beilagen auf Réchauds auf dem Tisch meist zur Selbstbedienung stehen.


Abendliches Menue der Marquise de Pompadour
im Schloß Choisy um 1752


Dormants:
Hammelbrühe
Gemüsesuppe Financière

Vorspeisen:
Poulardenfilets à la Monglas
Gurkenklein
Tauben mit ganzen Trüffeln
Pute à la Villeroy
Hirnwürstchen von Kanninchen
Pastetchen à l´Espagnolle
Hühnchen auf polnische Art
Rebhunfilets in Saft
Turteltauben auf italienische Art
Kalbsfilet auf Wildart
Ragout von Rebhuhn
Fasanfilet à la Chirac
Hühnerflügel en surprise

Relevès:
Ochensenlenbraten in Saft
Lammrücken
Kalbsviertel
Fasanpastete

Entrements:
Pastetchen
Kuchen aus Compiègne

Braten:
Enten aus Rouen
Rebhühner
Regenpfeifer
Junge Hühner
Fasanen
Wachteln

Entrements:
Schinken
Gebackenes mit Pfirsich
Cremè à la Genest
Eier in Kalbsbrühe
Blumenkohl mit Parmesan
Truthanfüße à la St. Ménéhould
Kleine Zungen
Appetithappen
Geschlagene Créme
Gebackenes Kalbshirn
Ragout à la Provencale
Artischockenherzen
Artischocken in Singara

18. November 2007

Das Palais Royale


Bus- und Métrostation führen seinen Namen, und doch ist das, was den Zauber des Palais-Royal ausmacht, sein ringsumschlossener Garten, nur schwer zu finden. [...] Er öffnet sich nur durch Säulenreihen, Winkelgängen und versteckte Passagen, deren Einlässe man kaum wahrnimmt. Ein Ort der Stille im Herzen von Paris, ein langer, klassischer Garten, wundervoll eingefaßt. Diese Einfassung ist von einer architektonischen Noblesse ohne Fehl.
Anfangs trug [das Palais-Royal] den Namen Palais-Cardinal. Das ging so zu: Richelieu hatte 1624 das Hôtel de Rambouillet erworben, den Treffpunkt der "Preziösen", eines Zirkels von Damen der Aristokratie um die Marquise de Rambouillet, der Umgangsform und Ausdrucksweise der Epoche zu veredeln trachtete - die "Kostbaren" besitzen einige historische Bedeutung, denn sie sollten die französische Hochklassik der Sprache vorbereiten, allerdings auch ihre metaphorische Gespreiztheit. Das Hôtel war ein großes Gebäude des 14. Jahrhunderts, dem man nachsagte, es stamme aus einer "rauhen, kraftvollen Epoche". Der Kardinal gedachte daraus eine seiner Persönlichkeit würdige Behausung nach eigenem Geschmack zu machen. Man begann damals eben, die Mauern Karls V. zu schleifen. Von dem verfügbaren Terrain ließ sich der allmächtige Minister gewisse Partien zuteilen. Er kaufte obendrein anschließende Ländereien und ließ ein großes Rechteck abstecken, das in einen Garten verwandelt wurde. An der Südseite entstand sein Hôtel, eher ein Palast. Von dem alten Bau ist freilich nur eine, zudem sehr veränderte Galerie übriggeblieben, die noch immer die berühmten Flachreliefs von früher schmücken. Sie stellen Schiffsschnäbel und -anker dar, um zu symbolisieren, daß der einstige Erbauer gleichzeitig Oberintendant der Seefahrt unter Ludwig XIII. war. Molière ließ in "Le Menteur" durch Géronte mit einem Grau Ironie die Großartigkeit der Kardinalsbehausung dergestalt preisen:
"L'Univers entier ne peut rien voir d'égal
Aux superbes debors du Palais-Cardinal,
Toute une ville entière, avec pompe bâtie,
Semble d'un vieux fossé par miracle sortie."
Zwei Jahre vor seinem Tod hatte der Kardinal das Palais Ludwig XIII. vermacht, um allen den Mund zu stopfen, denen seine Prunksucht Anlaß zu Gerede gab. In der Tat, das aufwendige Bauwerk, von dem Molière sprach, hatte obendrein lange gebraucht, um fertig zu werden. Es gab sogar Ärger - Richelieu vermochte nicht, eine gewisse Reihe von Häusern an sich zu bringen, die eine wenig ansehnliche Enklave bildeten. Aber das Innere mag ihn getröstet haben. Es zeigte sich von einer Großartigkeit, die fast jener seines Schlosses südlich der Loire glich, das seinen Namen trug und noch trägt.
Nach dem Abbruch der Porte Saint-Honoré und der Umwallungen erneuerte man das gesamte innerstädtische Viertel dahinter. Im Westen des Palastes legte man eine große, gradlinige Straße an, wie man sie nie zuvor gesehen hatte. Natürlich hieß sie Rue de Richelieu und erweckte die Bewunderung von Paris. Das berühmteste Teilstück des Kardinalspalastes war sein großer Theatersaal, den man 1641 eröffnete. Aufführungsstätten gab es im damaligen Paris nicht viele; es waren meist kleine, improvisierte Bühnen, auf denen man gelegentlich spielte. Er sollte das Schauspielhaus Molières werden, als er das Petit-Bourbon verlassen mußte.
Richelieu starb [...] am 4. Dezember 1642, und Ludwig XIII. sechs Monate später. Anna von Öster- reich, für die ihr alter Wohnsitz im Louvre mit soviel trüben Erinnerungen belastet war, wählte den ihr zugefallenen Palast als Behausung - seither nannte man das stolze Bauwerk das Palais-Royal. Sie zog dort mitsamt ihrem Sohn ein, den man, derzeit noch ein Kind, bald "Louis le Grand" nennen sollte. Es war Ludwig XIV.
Die Bedeutung des Palais-Royal schwand buchstäblich mit dem Bau von Versailles. Aber mit dem nachfolgenden Regenten aus der brüderlichen Familie d'Orléans kam es dennoch erneut zu einem unerwarteten Ruhm. Mit geistiger Überlegenheit die Gehässigkeiten und Umtriebe der nachgebliebenen, überalterten Hofhaltung des 1715 gestorbenen Ludwigs XIV. hinnehmend, ergriff Philippe II. d'Orléans für den minderjährigen Ludwig XV., Enkel seines Namensvorgängers auf dem Thron, für acht Jahre die Macht. Für Orléans verkörperte sich in Versailles allzuviel Intrige, allzuviel langweiliges Zeremoniell, als daß er dort hätte residieren mögen. Im Palais-Royal richtete er sich sein tägliches Leben in völliger Zwanglosigkeit ein, als Staatsmann arbeitsam wie er war, während er sich nachts Ausschweifungen hingab. Er überließ das Parterre der immer schwächlichen Madame d'Orléans und bezog die erste Etage. Die Ausstattung ließ er von Oppenord im modischen Zeitgeschmack erneuern. Coypel malte für diese Ausgestaltung die Geschichte des Äneas in vierzehn Bildern. Die Wände waren mit karmesinrotem Damast bespannt, die weißen Decken goldgestreift. Spiegelscheiben reflektierten die Auflegearbeiten und das Blitzen der Lüster aus Bergkristall. Die Rosenfarbe, Symbol des Verführe- rischen, brachten die "petits appartements" bald ins Gerede. Ein Durchgang verband sie mit den "bals publics" der Oper, den öffentlichen Maskenbällen, auf denen sich das Régime den sehr berechtigten Vorwurf der Schamlosigkeit erwarb. Der Regent nahm lebhaften Anteil am damaligen Frühling der Künste und Wissenschaften, der für sein Zeitalter kennzeichnend bleibt und auch ein Lenz der Sinne war. Mochte eine Frau die Liebhaberin für eine Nacht oder für einen Monat gewesen sein, niemals sollte ein weibliches Wesen auch nur einen Blick in die Staatsgeschäfte tun.
1730, schon unter Ludwig XV., wird der Park durch Claude Desgots, einen Neffen Le Nôtres, verändert. Hüben und drüben der großen Mittelallee pflanzt er Reihen von Ulmen, die den Durchblick auf ein dekoratives abschließendes Gitterwerk freigeben. Dahinter führt eine Treppe hinab und gewährt Zugang zur Rue des Petits-Champs.
Ludwig XIV. - dies ist nachzuholen - hatte das Palais, entgegen dem Testament Richelieus, 1692 seinem Bruder, dem Herzog von Orléans nebst dessen männlicher Nachfolge übertragen. Ein Urenkel des Regenten, Philippe Herzog von Chartres und später fünfter Herzog von Orléans, derselbe, der seit 1792 den Namen Egalité annahm, um seine republikanische Gesinnung zu bekunden - dieser Orléans- Sproß wird zum Urheber einer Umgestaltung von großer Tragweite. Unter ihm vollzieht sich eine monumentale Umwandlung des Parks und die Anlage von Galerien, will sagen, eines langgestreckten Häuservierecks in nördlicher Richtung. Lebhaften Geistes, unternehmend dazu, jeder Neuheit offen, verschwenderisch bis zum Exzeß, hatte er sich stark verschuldet. Um sich aus der Klemme zu ziehen, verfiel er auf den Gedanken, aus seiner weitläufigen Erbschaft Gewinn zu schlagen. Die Anlieger seines Parks hinter dem Palais-Royal mißbrauchten die Lage ihrer Häuser ohnehin und fanden es ganz natürlich, gastliche Zusammenkünfte und Musikveranstaltungen vor ihrer Haustür, mithin im prinzlichen Garten, zu veranstalten. Damals kam, vornehmlich bei dem Herzog selbst, der Gedanke auf, rings um die Anlagen eine große Häuserzeile für Mieter und Käufer anlegen zu lassen, wobei sich der Garten um etwa ein Drittel der Fläche verkleinerte. In den Untergeschossen der Bauten sollten überdachte Galerien Geschäftslokalen Platz gewähren, während die oberen Etagen Wohnzwecken vorbehalten blieben. Die Zuwege wollte man durch die rückwärtigen Fassaden führen, und zwar mittels den Häuserzeilen entlang laufender Straßen, denen Philippe d'Orléans die Namen seiner Kinder gab. Valois, Beaujolais und Montpensier. Die drei Straßen haben ihr ursprüngliches Aussehen bis heute bewahrt.
Als der Plan des Herzogs von Chartres zur Umwandlung seines Gartens in ein umbautes Gelände Gestalt annahm, schrie jedermann Zetermordio, als sei es sein eigener Garten. Trotz der Öffentlichkeit, die jenen Spazierpark als rechtmäßige Erholungsmöglichkeit für jedermann betrachtete, und trotz allgemeiner Empörung ließ der Prinz die Axt an die Bäume legen, in deren Schatten einst zur Zeit des Regenten die heimlichen Rencontres mit den weiblichen Mitgliedern des Opernensembles stattfanden. Niemals und nirgendwo hatten diese Theaternymphen, sofern sie rechtschaffen waren, mehr erröten müssen, als in dieser fast allzu bekannten Allee! Fast konnte man den Park des Palais-Royal als den schönsten Ballsaal von Europa betrachten. In wenigen Stunden wurde er vernichtet! Als die Bäume trotz der so laut aufbegehrenden Öffentlichkeit am Boden lagen, schwieg das Publikum. Wie es scheint, gewannen die Pariser, nachdem der Prinz seinen Plan verwirklicht hatte, entgegen ihrem sonstigen Widerspruchsgeist bald den Eindruck, daß die neue Promenade Glanz mit Behagen verband, und daß sie der früheren noch vorzuziehen sei.
Der Park des Palais-Royal war gleicherweise von der Aristokratie, der Bürgerschaft und dem einfachen Volk besucht. Er bildete außerdem einen Treffpunkt der Künstler, der Schriftsteller und jener Schreiber, die uns von dem damaligen Pariser Leben berichtet haben. Er diente nicht zuletzt als bevorzugtes Jagdrevier der leichten Mädchen.
Seit dem Regenten besaß das Palais-Royal den Ruf von Liberalität, nein Libertinität und Verschwendung. Die Freizügigkeit der Sitten konnte sich immer provozierender und um so dreister zur Schau stellen, als die Polizei nicht das Recht besaß, in die prinzliche Domäne einzudringen. Die Freiheitlichkeit, die im Palais-Royal herrschte, und die sehr weitgehende Liberalität seines Eigentümers half zu einem guten Teil jenen Gruppen, die zur Verbreitung revolutionären Ideen beitrugen. Am 12. Juli 1789 sollte Camille Desmoulins auf einen Tisch vor dem Café de Foy springen und zu den Waffen aufrufen.


Louis-Philippe d'Orléans, Mitglied des Konvents, glaubte seinen Kopf vor dem Fallbeil zu retten, indem er für den Tod des Königs stimmte. Das ihm gehörige Palais-Royal nannte man daraufhin das "Palais-Egalité" und seinen Park "Garten der Revolution", was keineswegs etwas daran änderte, daß sein Eigentümer auch das Schafott bestieg. Das Palais-Royal selbst entging den Revolutionswirren mit einigem Glück. Aufgebrachte Bürger hatten zwar begonnen, Feuer an die Seite des Théâtre Français zu legen. 1791 verbrannte man dort eine Puppe in Gestalt des Papstes, im folgenden Jahr erlitt eine in Gestalt von Lafayette das gleiche Schicksal. Deputierte warf man in das Wasserbecken vor der Oper; die Zuschauer beschimpften sie.
Als der Sohn von Philippe-Egalité, der Bürgerkönig Louis Philippe, 1830 den Thron bestieg, nahm er sich des alten Hauses der Orléans an. Es gab Anlaß zur Restaurierung. Viele der alten Dekorationen zeigten sich stark beschädigt oder gar zerstört. Die neue Säulengalerie im Süden des Gartens wurde von Fontaine - Napoleons Architekt arbeitete immer noch - im Geist der übrigen Architektur angelegt. Die Arkaden befreite man von den Reklameschildern und Aushängetafeln, die sie nach und nach überdeckt hatten. 1837 endlich forderte man auch die leichten Mädchen auf, ihre Aktivitäten anderwärts auszuüben. Die Spielhöllen - es gab deren sechsundvierzig - wurden verboten. Louis-Philippe, der sich selbst in den Tuilerien eingerichtet hatte, ließ in der ehemaligen königlichen Bleibe eine Gemäldegalerie unterbringen. Sie hatte nur kurze Zeit Bestand. Es kam die Revolution von 1848, und einmal mehr wurde der Palast in Brand gesteckt.
Die städtebauliche Politik Napoleons III. und seines Präfekten Haussmann rückten zwar der monumentalen Schöpfung des Herzogs von Orléans bedenklich zu Leibe, respektierte sie indessen. Der Durch- bruch der Avenue de l'Opéra mündete an der neugeschaffenen Place du Théâtre-Français. Dieses selbst dehnte seine Fassade durch den Einbau einer Prunktreppe und der Foyers aus. Die Place du Palais-Royal gewann ihr heutiges Aussehen.
1871 versuchte die Kommune noch einmal, sich der Bauten zu bemächtigen. Wenn ihr der Anschlag auf die Tuilerien vollkommen gelang, beim Palais-Royal glückte er nur zur Hälfte. Indessen, der Pavillon de Valois und die Ostseite der Fassade gingen in FIammen auf. Einige Räume des Staatsrates blieben verschont. Seit Anfang unseres Jahrhunderts wird der östliche Flügel des Palastes vom Ministerium des Schönen Künste benutzt.
(Bernard Champigneulle: Paris - ein Führer. 2. Aufl. München: Prestel 1982. S. 241 - 251.)