18. November 2007

Das Palais Royale


Bus- und Métrostation führen seinen Namen, und doch ist das, was den Zauber des Palais-Royal ausmacht, sein ringsumschlossener Garten, nur schwer zu finden. [...] Er öffnet sich nur durch Säulenreihen, Winkelgängen und versteckte Passagen, deren Einlässe man kaum wahrnimmt. Ein Ort der Stille im Herzen von Paris, ein langer, klassischer Garten, wundervoll eingefaßt. Diese Einfassung ist von einer architektonischen Noblesse ohne Fehl.
Anfangs trug [das Palais-Royal] den Namen Palais-Cardinal. Das ging so zu: Richelieu hatte 1624 das Hôtel de Rambouillet erworben, den Treffpunkt der "Preziösen", eines Zirkels von Damen der Aristokratie um die Marquise de Rambouillet, der Umgangsform und Ausdrucksweise der Epoche zu veredeln trachtete - die "Kostbaren" besitzen einige historische Bedeutung, denn sie sollten die französische Hochklassik der Sprache vorbereiten, allerdings auch ihre metaphorische Gespreiztheit. Das Hôtel war ein großes Gebäude des 14. Jahrhunderts, dem man nachsagte, es stamme aus einer "rauhen, kraftvollen Epoche". Der Kardinal gedachte daraus eine seiner Persönlichkeit würdige Behausung nach eigenem Geschmack zu machen. Man begann damals eben, die Mauern Karls V. zu schleifen. Von dem verfügbaren Terrain ließ sich der allmächtige Minister gewisse Partien zuteilen. Er kaufte obendrein anschließende Ländereien und ließ ein großes Rechteck abstecken, das in einen Garten verwandelt wurde. An der Südseite entstand sein Hôtel, eher ein Palast. Von dem alten Bau ist freilich nur eine, zudem sehr veränderte Galerie übriggeblieben, die noch immer die berühmten Flachreliefs von früher schmücken. Sie stellen Schiffsschnäbel und -anker dar, um zu symbolisieren, daß der einstige Erbauer gleichzeitig Oberintendant der Seefahrt unter Ludwig XIII. war. Molière ließ in "Le Menteur" durch Géronte mit einem Grau Ironie die Großartigkeit der Kardinalsbehausung dergestalt preisen:
"L'Univers entier ne peut rien voir d'égal
Aux superbes debors du Palais-Cardinal,
Toute une ville entière, avec pompe bâtie,
Semble d'un vieux fossé par miracle sortie."
Zwei Jahre vor seinem Tod hatte der Kardinal das Palais Ludwig XIII. vermacht, um allen den Mund zu stopfen, denen seine Prunksucht Anlaß zu Gerede gab. In der Tat, das aufwendige Bauwerk, von dem Molière sprach, hatte obendrein lange gebraucht, um fertig zu werden. Es gab sogar Ärger - Richelieu vermochte nicht, eine gewisse Reihe von Häusern an sich zu bringen, die eine wenig ansehnliche Enklave bildeten. Aber das Innere mag ihn getröstet haben. Es zeigte sich von einer Großartigkeit, die fast jener seines Schlosses südlich der Loire glich, das seinen Namen trug und noch trägt.
Nach dem Abbruch der Porte Saint-Honoré und der Umwallungen erneuerte man das gesamte innerstädtische Viertel dahinter. Im Westen des Palastes legte man eine große, gradlinige Straße an, wie man sie nie zuvor gesehen hatte. Natürlich hieß sie Rue de Richelieu und erweckte die Bewunderung von Paris. Das berühmteste Teilstück des Kardinalspalastes war sein großer Theatersaal, den man 1641 eröffnete. Aufführungsstätten gab es im damaligen Paris nicht viele; es waren meist kleine, improvisierte Bühnen, auf denen man gelegentlich spielte. Er sollte das Schauspielhaus Molières werden, als er das Petit-Bourbon verlassen mußte.
Richelieu starb [...] am 4. Dezember 1642, und Ludwig XIII. sechs Monate später. Anna von Öster- reich, für die ihr alter Wohnsitz im Louvre mit soviel trüben Erinnerungen belastet war, wählte den ihr zugefallenen Palast als Behausung - seither nannte man das stolze Bauwerk das Palais-Royal. Sie zog dort mitsamt ihrem Sohn ein, den man, derzeit noch ein Kind, bald "Louis le Grand" nennen sollte. Es war Ludwig XIV.
Die Bedeutung des Palais-Royal schwand buchstäblich mit dem Bau von Versailles. Aber mit dem nachfolgenden Regenten aus der brüderlichen Familie d'Orléans kam es dennoch erneut zu einem unerwarteten Ruhm. Mit geistiger Überlegenheit die Gehässigkeiten und Umtriebe der nachgebliebenen, überalterten Hofhaltung des 1715 gestorbenen Ludwigs XIV. hinnehmend, ergriff Philippe II. d'Orléans für den minderjährigen Ludwig XV., Enkel seines Namensvorgängers auf dem Thron, für acht Jahre die Macht. Für Orléans verkörperte sich in Versailles allzuviel Intrige, allzuviel langweiliges Zeremoniell, als daß er dort hätte residieren mögen. Im Palais-Royal richtete er sich sein tägliches Leben in völliger Zwanglosigkeit ein, als Staatsmann arbeitsam wie er war, während er sich nachts Ausschweifungen hingab. Er überließ das Parterre der immer schwächlichen Madame d'Orléans und bezog die erste Etage. Die Ausstattung ließ er von Oppenord im modischen Zeitgeschmack erneuern. Coypel malte für diese Ausgestaltung die Geschichte des Äneas in vierzehn Bildern. Die Wände waren mit karmesinrotem Damast bespannt, die weißen Decken goldgestreift. Spiegelscheiben reflektierten die Auflegearbeiten und das Blitzen der Lüster aus Bergkristall. Die Rosenfarbe, Symbol des Verführe- rischen, brachten die "petits appartements" bald ins Gerede. Ein Durchgang verband sie mit den "bals publics" der Oper, den öffentlichen Maskenbällen, auf denen sich das Régime den sehr berechtigten Vorwurf der Schamlosigkeit erwarb. Der Regent nahm lebhaften Anteil am damaligen Frühling der Künste und Wissenschaften, der für sein Zeitalter kennzeichnend bleibt und auch ein Lenz der Sinne war. Mochte eine Frau die Liebhaberin für eine Nacht oder für einen Monat gewesen sein, niemals sollte ein weibliches Wesen auch nur einen Blick in die Staatsgeschäfte tun.
1730, schon unter Ludwig XV., wird der Park durch Claude Desgots, einen Neffen Le Nôtres, verändert. Hüben und drüben der großen Mittelallee pflanzt er Reihen von Ulmen, die den Durchblick auf ein dekoratives abschließendes Gitterwerk freigeben. Dahinter führt eine Treppe hinab und gewährt Zugang zur Rue des Petits-Champs.
Ludwig XIV. - dies ist nachzuholen - hatte das Palais, entgegen dem Testament Richelieus, 1692 seinem Bruder, dem Herzog von Orléans nebst dessen männlicher Nachfolge übertragen. Ein Urenkel des Regenten, Philippe Herzog von Chartres und später fünfter Herzog von Orléans, derselbe, der seit 1792 den Namen Egalité annahm, um seine republikanische Gesinnung zu bekunden - dieser Orléans- Sproß wird zum Urheber einer Umgestaltung von großer Tragweite. Unter ihm vollzieht sich eine monumentale Umwandlung des Parks und die Anlage von Galerien, will sagen, eines langgestreckten Häuservierecks in nördlicher Richtung. Lebhaften Geistes, unternehmend dazu, jeder Neuheit offen, verschwenderisch bis zum Exzeß, hatte er sich stark verschuldet. Um sich aus der Klemme zu ziehen, verfiel er auf den Gedanken, aus seiner weitläufigen Erbschaft Gewinn zu schlagen. Die Anlieger seines Parks hinter dem Palais-Royal mißbrauchten die Lage ihrer Häuser ohnehin und fanden es ganz natürlich, gastliche Zusammenkünfte und Musikveranstaltungen vor ihrer Haustür, mithin im prinzlichen Garten, zu veranstalten. Damals kam, vornehmlich bei dem Herzog selbst, der Gedanke auf, rings um die Anlagen eine große Häuserzeile für Mieter und Käufer anlegen zu lassen, wobei sich der Garten um etwa ein Drittel der Fläche verkleinerte. In den Untergeschossen der Bauten sollten überdachte Galerien Geschäftslokalen Platz gewähren, während die oberen Etagen Wohnzwecken vorbehalten blieben. Die Zuwege wollte man durch die rückwärtigen Fassaden führen, und zwar mittels den Häuserzeilen entlang laufender Straßen, denen Philippe d'Orléans die Namen seiner Kinder gab. Valois, Beaujolais und Montpensier. Die drei Straßen haben ihr ursprüngliches Aussehen bis heute bewahrt.
Als der Plan des Herzogs von Chartres zur Umwandlung seines Gartens in ein umbautes Gelände Gestalt annahm, schrie jedermann Zetermordio, als sei es sein eigener Garten. Trotz der Öffentlichkeit, die jenen Spazierpark als rechtmäßige Erholungsmöglichkeit für jedermann betrachtete, und trotz allgemeiner Empörung ließ der Prinz die Axt an die Bäume legen, in deren Schatten einst zur Zeit des Regenten die heimlichen Rencontres mit den weiblichen Mitgliedern des Opernensembles stattfanden. Niemals und nirgendwo hatten diese Theaternymphen, sofern sie rechtschaffen waren, mehr erröten müssen, als in dieser fast allzu bekannten Allee! Fast konnte man den Park des Palais-Royal als den schönsten Ballsaal von Europa betrachten. In wenigen Stunden wurde er vernichtet! Als die Bäume trotz der so laut aufbegehrenden Öffentlichkeit am Boden lagen, schwieg das Publikum. Wie es scheint, gewannen die Pariser, nachdem der Prinz seinen Plan verwirklicht hatte, entgegen ihrem sonstigen Widerspruchsgeist bald den Eindruck, daß die neue Promenade Glanz mit Behagen verband, und daß sie der früheren noch vorzuziehen sei.
Der Park des Palais-Royal war gleicherweise von der Aristokratie, der Bürgerschaft und dem einfachen Volk besucht. Er bildete außerdem einen Treffpunkt der Künstler, der Schriftsteller und jener Schreiber, die uns von dem damaligen Pariser Leben berichtet haben. Er diente nicht zuletzt als bevorzugtes Jagdrevier der leichten Mädchen.
Seit dem Regenten besaß das Palais-Royal den Ruf von Liberalität, nein Libertinität und Verschwendung. Die Freizügigkeit der Sitten konnte sich immer provozierender und um so dreister zur Schau stellen, als die Polizei nicht das Recht besaß, in die prinzliche Domäne einzudringen. Die Freiheitlichkeit, die im Palais-Royal herrschte, und die sehr weitgehende Liberalität seines Eigentümers half zu einem guten Teil jenen Gruppen, die zur Verbreitung revolutionären Ideen beitrugen. Am 12. Juli 1789 sollte Camille Desmoulins auf einen Tisch vor dem Café de Foy springen und zu den Waffen aufrufen.


Louis-Philippe d'Orléans, Mitglied des Konvents, glaubte seinen Kopf vor dem Fallbeil zu retten, indem er für den Tod des Königs stimmte. Das ihm gehörige Palais-Royal nannte man daraufhin das "Palais-Egalité" und seinen Park "Garten der Revolution", was keineswegs etwas daran änderte, daß sein Eigentümer auch das Schafott bestieg. Das Palais-Royal selbst entging den Revolutionswirren mit einigem Glück. Aufgebrachte Bürger hatten zwar begonnen, Feuer an die Seite des Théâtre Français zu legen. 1791 verbrannte man dort eine Puppe in Gestalt des Papstes, im folgenden Jahr erlitt eine in Gestalt von Lafayette das gleiche Schicksal. Deputierte warf man in das Wasserbecken vor der Oper; die Zuschauer beschimpften sie.
Als der Sohn von Philippe-Egalité, der Bürgerkönig Louis Philippe, 1830 den Thron bestieg, nahm er sich des alten Hauses der Orléans an. Es gab Anlaß zur Restaurierung. Viele der alten Dekorationen zeigten sich stark beschädigt oder gar zerstört. Die neue Säulengalerie im Süden des Gartens wurde von Fontaine - Napoleons Architekt arbeitete immer noch - im Geist der übrigen Architektur angelegt. Die Arkaden befreite man von den Reklameschildern und Aushängetafeln, die sie nach und nach überdeckt hatten. 1837 endlich forderte man auch die leichten Mädchen auf, ihre Aktivitäten anderwärts auszuüben. Die Spielhöllen - es gab deren sechsundvierzig - wurden verboten. Louis-Philippe, der sich selbst in den Tuilerien eingerichtet hatte, ließ in der ehemaligen königlichen Bleibe eine Gemäldegalerie unterbringen. Sie hatte nur kurze Zeit Bestand. Es kam die Revolution von 1848, und einmal mehr wurde der Palast in Brand gesteckt.
Die städtebauliche Politik Napoleons III. und seines Präfekten Haussmann rückten zwar der monumentalen Schöpfung des Herzogs von Orléans bedenklich zu Leibe, respektierte sie indessen. Der Durch- bruch der Avenue de l'Opéra mündete an der neugeschaffenen Place du Théâtre-Français. Dieses selbst dehnte seine Fassade durch den Einbau einer Prunktreppe und der Foyers aus. Die Place du Palais-Royal gewann ihr heutiges Aussehen.
1871 versuchte die Kommune noch einmal, sich der Bauten zu bemächtigen. Wenn ihr der Anschlag auf die Tuilerien vollkommen gelang, beim Palais-Royal glückte er nur zur Hälfte. Indessen, der Pavillon de Valois und die Ostseite der Fassade gingen in FIammen auf. Einige Räume des Staatsrates blieben verschont. Seit Anfang unseres Jahrhunderts wird der östliche Flügel des Palastes vom Ministerium des Schönen Künste benutzt.
(Bernard Champigneulle: Paris - ein Führer. 2. Aufl. München: Prestel 1982. S. 241 - 251.)

Kommentare:

Martin hat gesagt…

Hallo Ihr Lieben!

Ich versuche es auch einmal wenn ich nicht angemeldet bin.
Also leider eine Google Konto ist nötig.

Gruß
Martin

Sepha hat gesagt…

Huhu Martin,

danke für die Einladung zu Deinem Blog, habe mich sehr gefreut!

Sag mal, Du hattest noch vor ein paar Wochen einen Link auf Deiner Seite mit dem auf eine Seite kam auf der wiederum ein Link zu Kostümbildern zu finden war.
Finde leider die Seite hier nicht mehr, könntest Du sie mir zukommen lassen?
Wäre unendlich lieb, da dort wundervolle Bilder und Originale abgebildet gewesen sind und die wollte ich als Inspirationsquelle nutzen... :)

Liebe Grüße, freue mich auf Deine Antwort,
Sepha
aka Maria Josepha
(Marie Antoinette-Forum)

Martin hat gesagt…

Liebe Sepha!

Ich würde dir gerne bei Deiner Inspiration helfen.:)

Aber leider, weiß ich nicht welchen Link Du meinst.

Wenn Du mir noch Infos zu gewünschten Link geben könntest? Die Sprache z.B. oder Bilder die besonders markant waren. Bitte kontaktiere mich per email unter castellan@drei.at.

In Freundschaft Martin