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21. September 2008

Les Mesdames – die Töchter von Louis XV.

Sie waren noch keine alten Frauen – die älteste zählte, als Marie Antoinette am französischen Hof eintraf, gerade erst 38 Jahre – wohl aber alte Mädchen mit deren misstrauischer Empfindlichkeit, Geistesbeschränktheit, Herrschsucht, scheuen Wesen, unaufrichtigen Benehmen, kleinen Schelmereien, Eifesüchtelein und Klatscherein.

Madame Adelaide, die älteste und auch fähigste der drei Schwestern, hatte abstoßende Manieren, eine raue Stimme, war kurz angebunden, und in ihrer ganzen Person lag etwas Männliches, das nicht anzog. Sehr vernarrt auf die Vorrechte ihres Ranges, litt sie ungemein durch die Bedeutungslosigkeit, zu der sie sich verurteilt fand. Ihr tatenlustiger und hochfahrender Geist hätte gerne nach eine herrschenden Rolle gestrebt; da ihr Talent so hohen Ansprüchen nicht gewachsen war, rächte sie sich durch eine Haltung, die ihr manche Demütigung zuzog. Jeder Verbindung mit den Habsburgern abhold, verzieh sie ihrer jungen Schwägerin das Blut nicht, das in ihren Adern floss. Als sich Frau Capman vor ihrer Abreise mit dem Hofstaate der Dauphine zu deren Empfang an der Grenze der alten Prinzessin vorstellte, um ihre Befehle entgegenzunehmen, antwortete sie trocken: „Wenn ich Befehle zu geben hätte, so würde ich sie nicht geben um eine Österreicherin abzuholen.“

Ihre Schwester, Madame Victoire, war sanfter und sympathischer; ihr Hofstaat betete sie an. Alle ihr Nahestehenden waren von ihrer beständigen, vielleicht mehr unbewussten als absichtvoller, immerhin aber aus dem Herzen kommender Güte eingenommen; es war ihr eine Lust, gefällig zu sein. Ihre frühzeitige Beleibtheit hatte ihr von Seite des Königs, einen grotesken Spitznamen eingetragen (coche).
Sie machte übrigens selbst kein Hehl davon, sondern gestand mit liebenswürdiger Einfalt ihre Vorliebe für eine gute Tafel und für die Bequemlichkeit des Lebens.
„Da ist ein Armstuhl, der mich vermissen wird,“ sagte sie einmal zu Frau Capman.
Von Natur aus etwas apathisch, gab sie dem Einflusse ihrer älteren Schwester nach und ließ sich durch diese zu kleinlichen Abneigungen verleiten.

Die dritte Schwester, Madame Sophie, ohne Geist wie ohne Anmut, stets furchtsam, verdutzt, schweigsam und menschenscheu, zählte nichts am Hofe; sie war nur ein bedeutungsloser Nebenplanet der blindfolgsam in Madame Adelaides Bahn einher schritt; man sage, sie öffne den Mund nur bei einem Gewitter, und die Augen um, wie die Hasen, seitwärts zu blicken.
Madame Louise endlich, die „letzte Madame“, wie sie Louis XV. bei ihrer Geburt genannt hatte, hatte seit einem Monate, anscheinend plötzlich, allem Glanz des Hofes und allen Genüssen des Lebens, obschon für dieselben keineswegs unempfänglich, entsagt, nachdem sie zwanzig Jahre mit ihren Schwestern zusammen gelebt hat. Am 11. April 1770, um 7 Uhr morgens, reiste sie, ohne, außer ihren Vater, jemanden verständigt zu haben, von Versailles ab und begab sich, einen seit achtzehn Jahren genährten Wunsch ausführend, bloß mit einer Dame und einem Stallmeister begleitet, in das Kloster der Karmeliterinnen zu St Denis, das ärmste des Ordens. Entschlossen, Ihr Opfer vollständig zu machen, gestattete sich die Prinzessin keine Milderung der Regel und nahm die härtesten Abtötungen und die demütigendsten Arbeiten gleich der letzten Novizin auf sich. Mutter Theresa vom heiligen Augustin, so nannte man sie nach Ablegung der Gelübde.

Maxime de la Rocheterie

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