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20. April 2008

Étienne de Silhouette


Von der Geschichte längst vergessen, wäre da nicht sein Name:
Étienne de Silhouette, den Ludwig XV. 1759 zum Finanzminister ernannte


Um neue Steuern und eine vorübergehende Finanzkrise abzuwenden, schlug Etienne de Silhouette seinem König ein denkbar einfaches Konzept vor. Sparen und nichts als sparen, so lautete seine Devise. Doch mit dieser Politik scheiterte Silhouette und macht sich darüber hinaus zum Gespött der Leute. Man gab ihm den Spitznamen „banqueroutier“. Schließlich nach acht Monaten im Amt, gab er auf und zog sich auf seinen Landsitz zurück.
Sein Sparprogramm aber lebte in der Phantasie des Volkes fort: Alles was den Anschein von Kargheit oder Knauserigkeit erweckte, versah man mit der Wendung „á la silhouette“. Pariser Schneider machten sich gar den Spaß, Kittel ohne Falten und Jacken Taschen zu entwerfen (Geld, um es hineinzustecken, gab es ja nicht), die sie „Habits á la Silhouette“ nannten. Da lag es nahe auch die in Mode gekommene und besonders billige Technik des Porträts, den Schattenriss, als „Silhouette“ zu bezeichnen. Überdies war das Ausschneiden und Zeichnen von Schattenbildern eine große Leidenschaft des so kläglich Gescheiterten. Die Bezeichnung Silhouette setzte sich dann allgemein durch, auch über Frankreichs Grenzen hinaus, und 1835 erkannte sie die Acadámie francaise offiziell an. Bis heute steht sie für die Versinnbildlichung des Schattens.
Anders als der Scherenschnitt, bei dem das Profil – vorgezeichnet oder nicht – direkt aus dem Papier geschnitten wird, entsteht die Silhouette, indem ein auf die Wand oder auf Papier geworfener Schatten umrissen und dann mit Pinsel oder Tusche schwarz ausgefüllt wird. Erst dann kann geschnitten werden.
Europa befand sich vor der Erfindung der Fotographie in einem wahren Silhouettenrausch: Jeder europäische Fürstenhof, der auch sich hielt, beschäftigte einen begabten Silhouettenschneider, Kaufleute und Beamte klebten die Silhouetten ihrer Familie in obligatorische Album, Fischhändlerinnen trugen das Schattenbild des Geliebten in Scheingold gefasst an ihren Armbändern, und zeitweise verliehen die Frauen in Paris ihrem Gesicht Pikanterie, indem sie fliegengroße Silhouetten aus Samt als Schönheitspflästerchen benutzten. Aber auch auf Glas oder Porzellan fand man die beliebten Silhouettenmotive.
Doch wäre die Silhouette keine Kunst des 18. Jahrhunderts ohne das notwendige Quäntchen Wissenschaftlichkeit. Hierfür sorgte vor allem die von dem Schweizer Theologen Johann Kaspar Lavatar propagierte Physiognomie, nach der der Charakter eines Menschen an der äußeren Erscheinung zu erkennen sei. So stand für Lavater zweifelsohne fest, keine Kunst an die Wahrheit eines gut gemachten Schattenrisses“ reiche.
Goethe, selbst ein berühmter Silhouettist, schrieb 1791: „Jedermann war im Silhouettieren geübt und kein Fremder zog vorüber, den man nicht abends an die Wand geworfen hätte, der Storchenschnabel durfte nicht rasten.“ Der Storchenschnabel war ein Pantograph der bereits 1603 von dem Jesuiten Christoph Scheiner erfunden worden war und mit dessen Hilfe der Schattenriss beliebig verkleinert werden konnte, Ähnlich funktionierte der 1786 erfundene Physiontrace von Gilles Louis Chrétien, mittels dessen die verkleinerten Profile auf Papier, Stuckkarton oder Elfenbein aufgetragen werden konnten.
Während immer neue Silhouettierapparate erfunden wurden, machte Nicéphore Niepce 1822seine erste fotografische Aufnahme. Eine neue Kunst war geboren, die die Natur noch schneller, noch billiger und – wie es schien – noch wahrheitsgetreuer abbildete. Die Silhouettenkunst war endgültig ins Reich der Schatten verbannt.







Entnommen der Zeitschrift - „Damals“ von Anja Röhrich

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