1. September 2011

Marie Antoinette schreibt Axel von Fersen


An Fersen 24. Juli 1792

Im Laufe dieser Woche soll die Nationalversammlung ihre Verlegung nach Blois und die vorläufige Absetzung des Königs dekretieren. Jeder Tag produziert eine neue Szene, die aber immer auf die Vernichtung des Königs und seiner Familie abzielt. Bittsteller haben vor den Schranken der Nationalversammlung gesagt, dass sie ihn (König Louis XVI.), wenn man ihn nicht absetzte, massakrieren werde. Sie haben die Ehrenbezeugungen der Sitzung gehabt. Sagen Sie doch dem Herrn von Mercy, dass das Leben des Königs und der Königin in größter Gefahr ist, daß ein Aufschub von einem Tag unberechenbares Unglück hervorrufen kann, dass man das Manifest* sofort abschicken muß, dass man es in höchster Ungeduld erwartet, dass es notwendigerweise viele Leute um den König sammeln und ihm Sicherheit bringen werde; dass sonst niemand während vierzundzwanzig Stunden für ihn Verantwortung übernehmen kann, denn der Haufen der Mörder wächst unaufhörlich.

Ich habe den Rest der Gelder, worüber hier genaue Aufstellung ist, in zwei Häuser, die fast neu sind, mit einem genügend guten Erträgnis, angelegt. Das eine besteht aus einem Hauptgebäude im Grunde eines Hofes, mit einem Stockwerk über dem Erdgeschoss und einem mit Ziegeln bedeckten Dach; links ist eine anderes abgesondertes Gebäude, das als Remise* und für Ställe dient, einen Laden auf die Gasse hat, ferner einen Futterschuppen darüber, das Ganze ebenfalls mit Ziegeln bedeckt.
Das genannte Haus hat seinen Eingang, durch einen Torweg und besitzt einen Sandstein gepflasterten Hof mit Brunnen und Klosetten*.
Das zweite besteht aus einem Hauptgebäude mit einem Eingang durch eine Allee und besitzt zwei Läden*, Hinterläden mit Treppe und Hof rückwärts, mit Klosetten und Brunnen in der Mitte, oberhalb welcher eine Pumpwerk betätigt wird, dass das Wasser in das genannte Haus leitet. Das Ganze ist vier Etagen im Viereck hoch, mit Kellern darunter und getäfelten Dienstbotenzimmer im Giebel, der mit Ziegeln gedeckt ist.
Jede Etage enthält zwei kleine Appartements, jedes bestehend aus zwei Zimmern, ebenfalls mit Kamin, frei zugänglich von der Treppe und mit Toiletten*.
Diese beiden Häuser können um 9500 Livres vermietet werden. Sie sehen also, dass Ihre Gelder nicht schlecht placiert sind.
Schreiben Sie mir, ob Sie die vier vorhergegangenen Nummern erhalten haben. Vor zwei Tagen hat man mir einen Brief von Ihnen gebracht, den ich an seine Adresse weiterleiten ließ. Sie müssen die Sechs Broschüren erhalten haben, die Sie von mir verlangt haben.


Übersetzt, erläutert und herausgegeben von Paul Christoph.
Der erste Absatz des Briefes ist chiffriert und von Graf Fersen aufgelöst, der auf den Rand schrieb: „Chiffre der Königin" 24. Juli“
*
Das genannte Manifest der Koalitionsmächte, vom Herzog von Braunschweig am 25. VII. 1792 unterzeichnet, ist das Werk des emigrierten Marquis de Limon, dass bei Bedrohung des Leben des König und seiner Familie, den Einmarsch von ausländischen Truppen, die Zerstörung von Paris und den Aufruf zur Gegenrevolution beinhaltet. Die Wirkung war eine gegenteilige und schürte noch mehr Zorn auf die königliche Familie.
*Klosette oder Abtritte, waren einfache Einrichtungen mit Senkgruben, meist im Hof eines Hauses, während Toiletten schon im bekannten Sinne eine Wasserspülung hatten.
*Remise – Unterbringungsmöglichkeiten für Kutschen und Pferdegeschirr, meist in der Nähe der Stallungen

Kommentare:

Lisa hat gesagt…

super beitrag - wie so oft!
und links in der sidebar sehe ich grade einen banner für den neuen kinofilm "midnight in paris". ich war auch schon drin.
an alle, die ihn noch nicht kennen:
interessiert ihr euch für frankreich und evtl. auch noch die 20er jahre, dann MÜSST ihr reingehen. :)
alles liebe,
lisa xx

http://avec-passion.blogspot.com

Martin hat gesagt…

Vielen Dank, liebe Lisa!
Den Film werde ich erst sehen ... die Inhaltsangabe, die Schauspieler, der Regisseur und das ganze in Paris da sollte selbst Woddy Allen wieder einen Hit landen können.
Dieser Film ist ist nach langer Zeit wieder ein Werk von Altmeister Woddy Allen, der das Kinogeld wert ist.;)

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank für diesen Briefauszug! Seit langer Zeit beschäftige ich mich mit der Geschichte der Bourbonen und Habsburger.
Marie Antoinette ist ein toller Charakter, der komplexer ist, als allgemein angenommen.

http://apropos-nostalgie.blogspot.com

Martin hat gesagt…

Lieber Anonymus!
Der veröffentliche Brief von Marie Antoinette, ist kein Auszug, sondern die Übersetzung im vollen Umfang, soweit sie mir zugänglich war. Im genannte Brief an Axel von Fersen war der erste Teil chiffriert. Da Du Dich sowohl für die Habsburger als auch für die Bourbonen interessierst wird es Dir an Stoff für Deinen jungen Blog nicht mangeln.
Wenn Du Unterstützung benötigst helfe ich Dir gerne, obwohl ich glaube daß Du an anderen Orten als fleissiger Schreiber bekannt bist.;) LG Martin