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13. Oktober 2012

Die Memoiren der Madame Campan



Morgen werden bei Ebay, eine selten  gut erhaltene Biographie, der Madame Campan versteigert.

Der Anbieter, ist ein deutsches Antiquariat, in Osnabrück und das letzte Angebot von heute ist sieben Euro, zuzüglich Versand.

Campan, J. L. H. 

Memoires sur la vie privée de Marie-Antoinette, reine de France et de Navarre ...
3 Bände. Troisiéme edition. Paris, Baudoin, 1823. Pappbände der Zeit mit handschriftlichen
Rückenschildern. Im Innendeckel jeweils mit dem Exlibris der "Fürstl. Wiedischen Bibliothek".

Hayn-Got. IV, 412. Collection des mémoires relatifs á la révolution francaise (Bd. 22-24). 
Etwas fleckig, Einbände gering bestossen, Rücken etwas abgeschabt, sonst gut erhalten.


Der Preis ist noch angemessen, da es sich um die Erstausgabe, ein Jahr nach dem Tod von Madame Campan handeln dürfte. Die  Übersetzung der gesamten Memoiren, erschien 1824, in Breslau, unter den Titel "Memoiren über das Privatleben der Königin Marie Antoinette von Frankreich". Der französischen Originalausgabe angeschlossen, waren Anekdoten, Dokumente usw. aus der Regierungszeit Louis XIV., XV., und Louis XVI.
Das angebotene Exemplare ist dem Alter entsprechend noch in einen guten Zustand. 


Dieser LINK führt dich zu der Auktion.



8. Oktober 2012

Das Attentat auf Louis XV.



5. Januar 1757

Der Herzog von Croy gibt uns eine genauere Auskunft über das Attentat des Robert Damiens:


Gegen sechs Uhr abends bei recht klarem Himmel, obwohl etwas diesig, bei Vollmond und strahlendem Fackelschein wollte der König zum Trianon zurückfahren, wo ein Großteil des Hofs verblieben war. Er nahm die letzte Stufe des Kleinen Gardesaals, um die Karosse zu steigen und stütze sich auf seinen Großstallmeister sowie auf den Oberstallmeister; der Duc d`Ayen und M. Le Dauphin folgten ihm, während der Hauptmann der Hundert Schweizer vorausging, es war also alles, wie es sein sollte.
In diesem Augenblick stürzte ein Mann zwischen zwei Gardesoldaten, die er nach rechts und links stößt, nach vorn, stößt eine Gardeoffizier beiseite und schlägt mit aller Kraft, von hinten, auf die rechte Schulter des Königs ein. Mit einem Federmesser und mit solcher Kraft, daß die Wucht oder der Handgriff des Messers den König vornüber wanken und ihn ausrufen läßt: „Duc d´Ayen, jemand hat mir einen Faustschlag versetzt!“
Dies alles geschah so schnell, daß der Mann durch die Schneise, die er sich geschaffen hat, rückwärts verschwinden kann, noch ehe die, die er fast zu Boden geworfen hat, sich wieder fassen, und niemand sieht etwas vom Hieb, zum Teil wegen des Fackelscheins, teil auch deshalb, weil man auf die unterste Stufe starrt.
Nach diesen Worten des Königs ruft der Marschall von Richelieu, der sich ebenfalls hinter ihm befindet: „Wer ist dieser Mann mit dem Hut?“ Der König wendet den Kopf und sagt, als er sicher ist, daß er an der Schulter getroffen wurde und nachdem er mit der Hand hin gefasst und sie voller Blut zurückgezogen hat: „Ich bin verletzt! Man verhafte, aber töte ihn nicht.






27. April 2011

Madame du Barry

Die Gräfin ist Ludwing XV. im Frühjahr 1768 in Versailles aufgefallen.
Choiseul, der Premierminister hat behauptet, daß die junge Madame du Barry nach Paris gekommen sei, um seine Unterstützung in der Sache eines Heereslieferungsauftrages zu erbitten. Choiseul verweist sie an den Intendanten Foulon in Versailles. Jeanne und ihre Mutter haben so die Gelegenheit das Schloß zu betreten, und wurden absichtlich dort aufgestellt, wo seine Majestät vorbeikommen wird.
Der König ist von der Schönheit und Jugend der Madame du Barry angetan und beauftragt seinen Kammerdiener Lebel nach ihren Namen zu fragen. Lebel ist derartge Aufträge gewöhnt und wenig später führt er Jeanne in die Kleinen Gemächer von Louis XV. ...
Die junge Mätresse ist nicht unerfahren. Sie ist fast fünfundzwanzig Jahre alt und die uneheliche Tochter von Anne Bécu, die als Näherin in einem Kloster gearbeitet hatte; der Vater war vermutlich einer der Mönche dieses Kloster. Anne Bécu gab ihr Kind zu den Damen von Saint-Aure in Pension. Im Alter von fünfzehn Jahren tritt Jeanne als Gesellschaftsdame in die Dienst von Madame Delay, einer Steuerpächterswitwe, und die Herren, die den Salon der Madame Delay besuchen, werden bald auf die hübsche Vorleserin aufmerksam. Sie machen ihr den Hof. Einer von ihnen erlangt ihre Gunst, andere folgten. Die Witwe ist bald von dem Benehmen ihrer Gesellschaftsdame unterrichtet und man flüsterte sie habe die Söhne des Hauses, zwei verheiratete Männer, zu verführen versucht. Jeanne wird entlassen, und tritt als Verkäuferin ins Modegeschäft der Madame Labille ein. Die Schönheit von Jeanne lockt die Kundschaft in den Laden, wie Honig die Fliegen. Der weibliche Kundschaft folgen die Verehrer der Damen, Herren vom Hof, Gardeoffiziere, reiche Bankiers drängen sich um Jeanne. Während der Woche überwacht Madame Labille ihre Angestellten jedoch streng, und so hält sich Jeanne am Sonntag schadlos: Sie besucht in galanter Begleitung die verschiedenen Jahrmärkte, bindet sich aber an keinen ihrer Liebhaber. Sie ist keine Mätresse oder billige Kurtisane sonder ein lebenslustiges Mädchen, das nur an sein Vergnügen denkt. Sie wählt ihre Freunde mit Bedacht, ihre Liebhaber sind „Stufen auf ihrem Weg zum Ruhm“.
Im Jahre 1763, mit zwanzig Jahren, lernt sie den Grafen du Barry kennen. Ein Graf von untadeliger Herkunft, er stammt aus einer guten Familie des Languedoc, aber ein Gauner und Betrüger, der das Vermögen seiner Frau durchgebracht hat. Graf du Barry bereichert sich als Heereslieferant auf übelste Weise, und lernt so den Stiefvater von Jeanne kennen, der auf dem gleichen Gebiet tätig ist. Der Stiefvater von Jeanne macht die jungen Leute miteinander bekannt. Jean war hingerissen, und Jeanne, die sich damals Madmoiselle de Vaubernier nannte, scheint bald seine Mätresse geworden zu sein. Da ihr Freund Jean bereits verheiratet ist, heiratet Jeanne kurzer hand den unverheirateten Bruder Ihres Liebhabers um den wohlklingenden Namen tragen zu dürfen.

Jeanne du Barry wohnt mit Ihrer Mutter in seinem Haus, in der Rue de Jussienne, wo an selber Adresse der Salon Madame du Barrys bald in Mode kommt. Man trifft dort die vornehmsten Herren des Hofes und bekannte Künstler. In dieser Umgebung lernt die Geliebte von Jean du Barry, sich in der vornehmsten Gesellschaft zu bewegen. Sie hatte einige Liebhaber unter diesen bekannten Besuchern und hatte keine Hemmungen den Grafen Jean untreu zu werden. Namentlich genannt sind der Bankier Sainte-Foix und der Herzog de Richelieu. Jean du Barry weiß von den Affären seiner Mätresse und sucht bei anderen Frauen Trost. Es ist ihm gelungen seine Sohn in das Pagenkorps des Königlichen Hofstaates zu bringen, aber er ist noch jung und kann seinem Vater nicht die Beziehungen verschaffen, die dieser für seine mehr oder weniger unlauteren Geschäfte nötig hat.
So kommt der Graf auf die glorreiche Idee, seine Geliebte dem König anzubieten.
So wird Jeanne im Schloß eingeführt, durch wenig zufällige Umstände von Ludwig XV. bemerkt und zu seiner Mätresse.
Allerdings hat Ludwig zu Beginn einige Bedenken wegen Jeannes Vergangenheit: „Sagen Sie, Noailles“, fragte er eines Tages den Herzog, der stets offen mit dem König gesprochen hat, „bin ich nicht der Nachfolger von Sainte-Foix?“
„Ja, Majestät, so wie Eure Majestät der Nachfolger von Pharamond* ist!“





*sagenhafter erster Herrscher des Frankenreich
Teile entnommen von Jacques Levron. Louis XV., Kapitel "Eine gewisse Jeanne Bécu"

14. Januar 2009

Schloss Bellevue



Ein weiteres Schlösschen, das noch auf die Zeit von Louis XV. und Madame Pompadour zurückgeht ist Bellevue. Es wurde 1749 vom König erworben und von seiner Mätresse umgebaut und das Interieur neu gestaltet.
Ab 1769 wurde es von Mesdames, den Töchtern Louis XV. bewohnt. Im Jahre 1780 wurden von Mesdames Adélaide und Victoire der Garten und der Park vom Architekten der Königin Marie Antoinette, Richard Mique, neu gestaltet.
Während der Revolution ist das Schloss verfallen und wurde um 1820 abgerissen.
Einige Ensembles von Mesdames sind noch im Schloss Versailles zu besichtigen.



19. November 2008

Louis Joseph Xavier - Duc de Bourgogne



Heute wollen wir uns mit den älteren Bruder von Louis Auguste beschäftigen.
Herzog von Bourgogne geboren am 13. 9. 1751 und somit um drei Jahre älter als Louis Auguste - Duc de Berry.
Die Mutter Maria Josepha von Sachsen brachte bereits 1753 einen Sohn, den Prinzen von Aquitaine zu Welt, der nach wenigen Monaten verstarb.
Schon nach kurzer Zeit hatte das Haus Bourbon drei kräftige Erben vorzuweisen.
Duc de Bourgogne, Duc de Berry und der jüngeren Duc de Provence.
Der Herzog von Burgund wurde besonders verwöhnt und in dem sein Vater Louis Ferdinand sein eigenes „Spiegelbild“ fand. Aufgeweckt, lebhaft und launisch zieht Bourgogne die gesamte Liebe seiner Eltern auf sich, die von seinem Hätschelkind-Verhalten entzückt sind: Sein Rang erlaubt ihm eine gewisse Unverschämtheit, und darüber hinaus ist er schön und charmant. Für dieses Kind gibt es vermutlich wie einst für seinen entfernten Vorfahren (Louis XIV.) keinen „schöneren Beruf“. Schon jetzt spielt er sich als Gebieter auf und hat das Verhältnis zwischen Herrscher und Beherrschten begriffen.
Eines Tages, als er von Boisgelin – einem verdienstvollen Maineoffizier – beaufsichtigt wurde und dieser in daran hindern wollte, in ein Zimmer einzudringen, in dem Handwerker arbeitete, rief er aus:
„Ich glaube, hier bin ich der Herr. Sollten Sie es wagen mich zu berühren?“
- „Ich müsste es, und täte es, um zu vermeiden, dass Sie nicht gehorchen.“
- -„Gehorchen! Aber Sie sind bloß ein Edelmann, und ich bin ein Prinz; Sie sind es, der dazu bestimmt ist, mir zu gehorchen …“
Daraufhin wurde der der Herzog von Bourgogne schrecklich wütend, aber er weinte nicht. Als er sich wieder beruhigt hatte, kehrte er zu Boisgelin zurück: „Mein Zorn ist verraucht. Sie haben ihre Pflicht erfüllt, und schätze Sie dafür umso mehr. Unterhalten wir uns jetzt: Letztlich haben weder Sie noch ich mich zum Prinzen gemacht. Warum wurde ich nicht als Gott geboren? Dann könnte ich alles tun was mir beliebt.“
Während man diesem kleinen puppenhaften König lobhudelt, denkt man nicht an Berry, obwohl er die Spiele seine älteren Bruders bis zu jenem Tag im Mai 1758 teilte, als dieser mit sieben Jahren unter der Fuchtel seine Erziehers, des Herzogs von La Vauguyon, nach dem Brauch „zum Manne geworden“ war. Berry bleibt mit seinen jüngeren Brüdern bei Frau von Marsan.
1760 wird der kleine Duc de Bourgogne schwer krank. Infolge eines Sturzes, den er sich beim Spielen mit seinem Holzpferd zugezogen hatte, begann er zu hinken, und an seiner Hüfte bildete sich eine Geschwulst. Man beschloss, ihn zu operieren, natürlich ohne Betäubung. Stoisch erlitt das Kind den Messerschnitt, die eine Öffnung von gut vier französischen Zoll klaffte“ während sein Vater, seine Mutter und die Königin angstvoll im Nebenzimmer warteten.
Nach dieser Operation war der junge Prinz ans Liegesofa gefesselt und das Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder wurde stärker aber nicht besser.
Der Dauphin ließ keine Gelegenheit verstreichen um den jungen Berry den Stand und seinen Vorsprung zu zeigen. Wohl auch in Vorausicht in ihn den königlichen Nachfolger zu sehen, ein Ziel das er aufgrund seiner schweren Verletzung, den Tod vor Augen, nicht mehr erreichen könnte.
Als eine wohlmeinende Seele, Bourgogne eines Tages fragte, „ob er seine Recht des Älteren nicht Monseigneur, dem Herzog von Berry, abtreten wolle, wenn es ihm dafür ebenso wohl erginge sie diesem“ entgegnete er mit ehrfurchtgebietendem und entschiedenem Ton: „Nein niemals, auch wenn ich mein Lebtag im Zustand, in dem ich mich jetzt befinde, zu Bett liegen müsste.“
Von seiner Allmacht überzeugt, glaubte Bourgogne seine Bruder die Leviten lesen zu müssen, wenn Berry brummig ist und als störrischer Untertan Gerechtigkeit fordert. „Er tadelt ihn unter vier Augen, aber mit der Feierlichkeit eines Prinzen, der das Recht hat, Ratschläge zu erteilen, und eines Tages befehlen wird.“
Im November 1760 begreifen seine Eltern, dass der Prinz verloren ist. „Herr Dauphin und Frau Dauphine sind in einem schmerzvollen Zustand von Niedergeschlagenheit, der kaum vorstellbar ist.“ bemerkt der General von Fontenay.
Man entschließt sich also, Bourgogne taufen, firmen und ihn seine erste Kommunion empfangen zu lassen, nachdem sein Beichtvater ihm enthüllt hat, dass sein Ende naht.
Erhaben bis zum Ende, entgegnete er La Vauguyon, der ihn fragte, ob er dem Leben nachtrauere:
„Ich gebe zu, dass ich es mit Bedauern verlasse, aber ich habe es schon vor langer Zeit Gott geopfert.“
Der Duc de Bourgogne verstirbt kurz nach Ostern am 22. März 1761.



Die beiden kleinen Racker auf dem unteren Bild zeigen Duc de Provence und Duc de Berry und den Buben in der blauen Robe den jungen Duc de Bourgogne.

4. Oktober 2008

Chevalier d'Eon im Dienste Louis XV.


Um den Reigen der dienstbaren Geister um Louis XV. weiterzuführen, möchte ich euch heute den Chevalier d`Eon vorstellen.
Als Geheimagent, Transvestit und bester Fechter seiner Zeit erfüllte er(sie) die ihm gestellten Aufgaben ausgezeichnet. Louis XV. war mit seinen Diensten so zufrieden, das er ihn mit dem Ludwigskreuz auszeichnete und in den Adelsstand erhob.


Am 5. Oktober 1728 wurde in Tonnerre, Charles Geneviève Louis Thimothée d' Eon de Beaumont geboren. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinerlei Zweifel, dass er der Sohn einer angesehenen Anwaltsfamilie war.
Seine Mutter kleidete ihn als Kind manchmal in die Kleider seiner Schwester. Das war in dieser Epoche nichts ungewöhnliches. Letztendlich trugen in dieser Zeit auch Jungen bis zum Alter von ca. 8 Jahren sowieso Röcke. Er lernte schon früh Lesen und Schreiben und war sehr sprachbegabt.
1743 wurde auf Empfehlung seines Onkels d'Eon de Tissey vom Collège des Quatre-Nations in Paris aufgenommen. Er vervollständigte seine Ausbildung am College Mazarin in Paris, graduierte zum Doktor beider Rechte und wurde 1749 der Sekretär des Monsieur de Sauvigny, dem Steuerverwalter bei der Pariser Intendantur. Er schrieb ein Buch über die Französischen Staatsfinanzen. Danach wurde er königlicher Zensor und verbrachte viel Zeit mit Büchern.Ein Journalist namens Freron bot d'Eon an, für sein Journal zu schreiben.1752 veröffentlichte er einen «Essai historique sur les différentes situations de la France par rapport aux finances, sous le règne de Louis XIV et la régence du duc d'Orléans».
Wie er dann zum Mitglied der Geheimdienstes Ludwig XV wurde, eine Tätigkeit die sein weiteres Leben prägte, darüber gibt es verschiedene Versionen. Gönnen wir uns die romantische Variante!
Im Jahre 1755 verkehrte D'Eon im Haus der Gräfin von Rochefort an, einer jungen Witwe. Gemeinsam mit Freunden überredete sie ihn, bei einem Kostümfest des Königs in Versailles in einem eleganten Tanzkleid zu erscheinen, das sie ihm aus ihrer eigenen Garderobe zur Verfügung gestellt hatte. D'Eon schreibt hierüber folgendes: "Der bloße Gedanke, dass ich das Kleid der Gräfin anziehen soll, daß ich an meiner eigenen Haut einen Stoff verspüren werde, der den Busen der reizenden Frau bedeckt und berührt hat, erfüllt mich mit unbeschreiblicher Seligkeit. Dieses Kleid muss viele zarte Düfte besitzen von der Frau, die es getragen hat. Es sollte mich berauschen, wie schon der Gedanke daran mich berauschte. Ich traf früh ein, ich musste mich anziehen lassen, denn Frauenkleider machen sehr viel Mühe." Die Mühe muss sich gelohnt haben, denn während des Balls wurde Ludwig XV, der keine Ahnung hatte, wer das schöne Mädchen in Wirklichkeit war, auf d'Eon aufmerksam. Der König ließ Mademoiselle d'Eon zu sich kommen und zog sich mit ihr in ein benachbartes Zimmer zurück. In diesem Moment betrat Madame de Pompadour, die Favoritin des Königs, die mittlerweile Auskünfte über d'Eon eingezogen hatte, das Zimmer und klärte lachend die Situation auf. Auch der König war dem jungen, klugen und geistreichen Mann begeistert. Der Grundstein für eine lange dauernde, vertraute Beziehung war gelegt.
Wie gesagt, das war die romantische Version.
Tatsache ist aber, dass d'Eon ab 1755 Geheimdienstaufträge für den König erledigte ...und das sehr erfolgreich.

Der Auftrag in Russland


Ludwig XV wollte zu dieser Zeit die diplomatischen Beziehungen zu Russland wieder aufnehmen. 2 Botschafter, die er geschickt hatte um diesbezüglich mit Elisabeth, der Zarin von Russland, zu reden, scheiterten, weil sie nicht am Hofe vorgelassen wurden.
Auf Empfehlung des Prinzen Conti wurde d'Eon 1756 in geheimer Mission nach St. Petersburg geschickt, um der Zarin einen Brief Ludwig XV zu überreichen. D'Eon wurde am Hof vorgelassen, erwarb das Vertrauen der Zarin und schaffte es, die Beziehungen zwischen Frankreich und Russland wieder in Gang zu bringen. Soweit die rohen Fakten, aber wie d'Eon diese Leistung vollbracht hat, das ist wiederum Gegenstand von Mythenbildungen. Während neuere Forschungen, davon ausgehen, dass d'Eon diesen Job als Mann erledigte, ist die weithin geglaubte (von seinen Gegnern später kolportierte und auch von ihm selbst behauptete) eine deutlich andere (und auch viel hübschere):
Nach dem vorherigen Scheitern entwickelte Ludwig XV im Gespräch mit dem Prinzen Conti den Gedanken, nur eine Frau hätte die Chance, vorgelassen zu werden, aber die Mission war zu gefährlich, um eine Frau damit zu betrauen. Nun erinnerte sich der König an D'Eon und sein erstes großes Abenteuer als Frau begann.
Anfang Juni 1755 erhielt der damals 27Jährige Chevalier d'Eon vom Prinzen Conti eine vollständige Ausstattung Kleider und machte sich mit dem Chevalier Douglas zusammen auf den Weg. Douglas gab sich als Pelzhändler aus, war aber in Wirklichkeit Doppelagent in diensten von Waldeck (Holland) und Ludwig XV. D'Eon reiste unter der Identität seiner Schwester, Lia de Beaumont. Während der Reise hielten sich die beiden längere Zeit in Neustrelitz auf, wo die junge und interessante Französin, von ihrem Begleiter Chevalier Douglas als eine Nichte ausgegeben, von der herzoglichen Familie warm aufgenommen wurde. Dort lernte d'Eon die junge Sophie-Charlotte von Mecklenburg-Strelitz, die später Königin von England werden sollte, kennen. (Diese Dame hatte später noch entscheidenden Einfluss auf das Leben des Chevalier!)
Doch während Douglas an der russischen Grenze zurückgewiesen wurde erhielt Lia Zutritt zum Hof der Zarin in St. Petersburg. Mit ihrem Charme bezauberte Lia die Zarin und wurde zu ihr vorgelassen. Ob D'Eon seine wahre Identität als Mann aufdeckte oder die Zarin selbst darauf kam, mag dahinstehen, jedenfalls übergab der Geheimagent des Französischen Königs die geheimen Papiere. Kaiserin Elisabeth war von der schönen Mademoiselle so entzückt, dass sie sie bald zum Vorlesen französischer Dokumente heranzog.
An dieser Stelle kann ich nicht wiederstehen, eine Anekdote zu ergänzen, die der Psychologe Magnus Hirschfeld in seiner Darstellung über d'Eon schildert:
"Die Zarin war nicht die einzige, die sich in Petersburg in die Französin verliebte. Viele andere erlagen ihrem Zauber; unter ihnen auch Lord Ferrers, englischer Peer, Admiral, berühmter Mathematiker und Physiognom der Lavater-Schule, der stolz darauf war, daß er die geheimnisvolle, symbolische Schrift der menschlichen Gesichtszüge fließend lesen konnte, was ihm jedoch bei d'Eon nicht gelang. Denn während der berauschte Peer sich mit dem Gedanken trug, seine Frau mit dem mutmaßlichen Mädchen zu hintergehen, und sie dazu überredete, da es "schließlich schon so spät" wäre, die Nacht in seinem Hause zu verbringen, bestrafte d'Eon ihn dadurch, dass er ihn mit Lady Ferrers betrog."
Zurück zur Politik. d'Eon überzeugte die Zarin, einen Brief an Ludwig XV zu schreiben und die Entsendung eines französischen Botschafters nach Russland anzuregen. Kurze Zeit später unterschrieb sie einen geheimen Pakt, in dem sie sich verpflichtete, Georg II nicht zu helfen.
Es ist fast unglaublich, aber bereits im nächsten Jahr wurde er wieder nach Russland geschickt. Diesmal auf jeden Fall als Mann in der Position eines Botschaftsassistenten.
Er nahm auch Kurieraufgaben wahr und überbrachte im Jahr 1757 als erster die Botschaft eines Österreichischen Sieges über Preußen in einem Gewaltritt von Wien nach Versailles, der ihm ein verletztes Bein und das Patent eines Leutnants der Elitedragoner einbrachte.
Die Legende will, dass er in dieser Zeit am Hof der Zarin sowohl als Lia, als auch als Charles agierte. Je nachdem was man glauben mag, war d'Eon also Vorleser oder Kammerfrau, eventuell auch Liebhaber der Zarin.

Die soldatische Karriere

1761 kehrte er nach Frankreich zurück.
Er machte darauf den Feldzug von 1761 in Deutschland als Adjutant des Herzogs von Broglie mit der gegen Friedrich II. im Feld stand. Er leitete bei Höxter den Munitionstransport über die Weser, wurde bei dem Zusammentreffen bei Ultropp an der Hand und am Kopf verwundet und tat sich bei der Belagerung und Besatzung von Wolfenbüttel besonders hervor. In Anerkennung seiner Verdienste wurde er 1762 zum Hauptmann der Elite-Dragoner und zum Ritter des St.-Louis-Ordens ernannt. Das Ritterkreuz machte ihn zum Adligen, jetzt war er der Chevalier d'Eon.

1762 wurde d'Eon das erste mal nach London geschickt, um die Verhandlungen über einen Friedensvertrag zu unterstützen. Am 10. Februar 1763 wurde der Vertrag von Paris unterzeichnet und der 7-jährige Krieg damit beendet. Kanada, die Gebiete östlich des Mississippi und die Gebiete um die Großen Seen werden von Frankreich an Großbritannien abgetreten. In Nordamerika behält Frankreich nur New Orleans, die Westhälfte Haiti sowie die Fischerinsel St. Pierre et Miquelon.

Diplomat und Spion

Bald schon (1763) sandte Ludwig XV d'Eon, wiederum nach England, zunächst im Rang eines Gesandtschaftssekretärs des Herzog von Nivernois, nach dessen Rückkehr nach Frankreich als generalbevollmächtigter Minister am Englischen Hof (das entspricht etwa einem Botschafter). Doch d'Eon war nicht nur Diplomat, er war auch Spion. Ludwig XV plante zu dieser Zeit einen Einmarsch in England und d'Eon sollte die notwendigen Informationen über die britische Armee beschaffen.
Nach kurzer Zeit wurde d'Eon der Titel eines generalbevollmächtigten Ministers genommen. Er verlor das Vertrauen seines Königs und des Ministers Choiseul, hauptsächlich (so behauptete er selbst jedenfalls) wegen Madame Pompadour, die wegen seiner geheimen Korrespondenz mit dem König eifersüchtig gewesen sein soll.
Der Vertrauensverlust könnte jedoch auch einen anderen Grund gehabt haben: Charles Lebensstil in England war verschwenderisch. Er verwendete viel Zeit und Geld, um Kontakte mit hohen Kreisen zu pflegen. Von seinen eigenen und benachbarten Weingütern Burgunds ließ er Weine importieren und verschenkte sie großzügig. Im Ergebnis war er bald hoch verschuldet. Als das französische Außenministerium sich weigerte, für diese Schulden aufzukommen, begann d'Eon interessante Dokumente privat zu verwahren.
D'Eon wurde informiert, dass er den Titel abzugeben habe und sein neuer Vorgesetzter der Comte der Guerchy sei. Damit begann eine verbitterte Fehde zwischen diesen beiden.
D'Eon zweifelte die Echtheit des Ernennungsschreibens gegenüber einflussreichen Freunden an. Doch niemand stand ihm bei.
Im Oktober 1763 weigerte er sich den Befehlen, England zu verlassen, Folge zu leisten.
D'Eon forderte de Guerchy zu einem Duell heraus. Der wusste jedoch um das Geschick des Chevaliers mit der Waffe und entzog sich der offenen Konfrontation. Um d'Eon lächerlich zu machen verbreitete er das Gerücht, dieser sei am russischen Hof nicht Vorleser, sondern Kammerfrau gewesen (so wäre eventuell de Guerchy der Urheber der famosen Geschichte!) und nachdem das nicht den nötigen Eindruck machte, brachte er in Umlauf, d'Eon sei tatsächlich eine Frau (was es ihm unmöglich machen würde, das Duell zu fechten ;-))
D'Eon fürchtete, eventuell gewaltsam nach Frankreich verschleppt zu werden. In einem Brief an Ludwig XV behauptete er, der Comte de Guerchy habe versucht ihn zu vergiften.
"Anschließend entdeckte ich, dass M. de Guerchy Opium, wenn nicht schlimmeres, nach dem Essen in meinen Wein geben wollte. Ich sollte in einen tiefen Schlaf fallen. Dann wollten sie, anstatt mich nach Hause zu bringen, mich zur Themse tragen, wo wahrscheinlich ein Boot wartete, um mich zu entführen."
Tatsächlich erhob D'Eon wegen versuchter Vergiftung Klage gegen Guerchy. Der seinerseits hatte schon Klage wegen Verleumdung gegen D'Eon erhoben, letztendlich begründet mit Informationen aus staatlichen Dokumenten, in deren Besitz er wegen seiner staatlichen Funktion gelangen konnte. Beide Parteien waren erfolgreich. Guerchy wurde des Mordversuchs für schuldig befunden, konnte aber wegen seiner diplomatischen Immunität nicht belangt werden. D'Eon wurde der Verleumdung für schuldig befunden, weigerte sich jedoch, sich in Frankreich vor Gericht zu verantworten. Im Ergebnis ein klassisches Unentschieden!
Im Gegenzug zu Guerchys Nutzung von Geheimdokumenten, machte das auch d'Eon und er veröffentlichte 1764 ein Buch mit dem Titel "Lettres, mémoires, et négociations particuliéres”, das ein Bestseller in ganz Europa wurde, während es an den Höfen von Frankreich und England eher mit Bestürzung aufgenommen wurde. Das Buch machte d'Eon berühmt. Klugerweise hatte er darin die Pläne Ludwig XV zu einer Landung in England nicht erwähnt.
Weil Guerchy in Meinungsverschiedenheiten mit Georg III geriet und in der englischen Presse heftig kritisiert wurde, ging er zurück auf den Kontinent.
1766 wurde d'Eon von Ludwig XV eine jährliche Pension von 12.000 Livres verliehen. Begründet wurde dies mit seinen Verdiensten für den König in Russland, der Armee und anderen Aufträgen.
Doch er hatte auch ein großes Hobby - Bücher. Während seiner Zeit in London verwendete er die viel Zeit und den größten Teil seines Geldes für seine Bibliothek, die ca 6.000 Bücher und 500 seltene Handschriften umfasst haben soll.
Ebenfalls 1766, in einer weiteren Verschlingung seines komplizierten und heimlichen Lebens, wurde er Freimaurer und war Mitglied in der Lodge of Immortality, No. 376, die sich in der Crown and Anchor Tavern in London traf. 1769 - 1770 bekleidete er in ihr sogar ein hohes Amt..

Charles und/oder Lia

Spätestens ab 1763 begann d'Eon sein Doppelleben als Charles und Lia, wenn es nicht schon in Russland begonnen hatte.
Irgendwann ca. 1864 begannen in London aber auch in Frankreich Zweifel aufzutauchen, ob den der Chevalier d'Eon wirklich ein Mann sei. Die Gerüchte wurden (wie schon geschildert) von de Guerchy angeheizt. Es gab aber auch andere Quellen, so schrieb der Gesandschaftssekretär Broglie (das war wohl Charles-François de Broglie der Bruder von Victor-François de Broglie, dessen Adjudant d'Eon im 7-jährigen Krieg war) an den König von Frankreich: "Der Sieur d'Eon ist eine Frau und nichts als eine Frau, deren Attribute er besitzt. Er bat mich sein Geheimnis zu bewahren!"
D'Eon erneuerte seine Bekanntschaft mit Sophie-Charlotte, mittlerweile Gattin des Englischen Königs Georg III.
Eines nachts sandte Sophie-Charlotte nach d'Eon, weil ihr Sohn krank war. Während sich d'Eon in ihren Räumen aufhielt kam der König, der befremdet war, nachts einen Mann bei seiner Frau zu finden. Um den Ruf der Königin zu schützen erklärte Cockrell, der Adjudant der Königin, bei d'Eon handele es sich in Wirklichkeit um eine Frau. Georg III, der schon Gerüchte über die unklare Geschlechtszugehörigkeit von d'Eon gehört hatte, schickte einen Brief an Ludwig XV um die Sache zu klären. Ludwig XV, der (ungeachtet oder gerade wegen seiner Invasionspläne) an guten Beziehungen zu England interessiert war, schrieb zurück und "garantierte”, dass es sich bei d'Eon um eine Frau handelte.
Auch Giacomo Casanova traf bei seinem Aufenthalt in London (also zwischen September 1763 und Juli 1764) zumindest zwei mal mit d'Eon zusammen. Das erste Mal im Hause des Englischen Botschafters. Einem alten Fuchs und Frauenkenner wie Casanova kann man nichts vormachen. Er schreibt in seinen Memoiren:
"Dieser Chevalier d'Eon ist eine gut aussehende Frau, die Anwalt und Dragonerhauptmann war, bevor sie in den diplomatischen Dienst eintrat. Sie diente Ludwig XV als tapferer Soldat und Diplomat mit vollendeten Fähigkeiten. Trotz ihrer männlichen Verhaltensweisen erkannte ich sie schnell als Frau. Die Stimme war nicht die eines Kastraten und ihr Körper war zu gerundet für den eines Mannes. Die bartlosen Wangen sind kein Kriterium, denn das könnte eine Laune der Natur sein."
Wie schon Casanova angemerkt hatte, konnte man sein Verhalten nicht gerade als effeminiert bezeichnen, es entsprach (so berichtet es später Marie Antoinette in ihren Memoiren) eher dem eines Grenadiers. Gleichwohl trug er Kleider, Röcke und Makeup....und forderte diejenigen zum Duell, die das lächerlich fanden. Wegen seiner Meisterschaft im Fechten dürfte das die Bereitschaft für Witze auf seine Kosten deutlich vermindert haben.

Die Wetten des Chevalier

In der Tat war das Interesse an ihm so groß, dass um 1770 herum (hier gehen die Zahlen auseinander, sind aber in jedem Fall beeindruckend) zwischen 120.000 und 300.000 Pfund in England auf dieses Thema verwettet waren. Es gab ein Belohnungsversprechen in Höhe von 6.000 Pfund für denjenigen, der d'Eons wahres Geschlecht aufdecken würde. Die Wetten wurden sogar an der Londoner Börse gehandelt.
1774 veröffentlichte d'Eon in Amsterdam ein Buch mit dem Titel -« Les loisirs du chevalier d'Eon de Beaumont, ancien ministre plénipotentiaire de France, sur divers sujets importants d'administration, etc., pendant son séjour en Angleterre », das die Gerüchteküche weiter anheizte.
1777 erhob eine Versicherungsgesellschaft Klage wegen eines Schadenersatzanspruches aus einer dieser Wetten. Es musste geklärt werden, wer denn nun gewonnen hatte. Zeugen bestätigten, dass d'Eon eine Frau sei, doch der letzte Beweis konnte nicht geführt werden, da d'Eon 1 Monat vorher nach Frankreich abgereist war. Wie auch immer, der Richter, Lord Mansfield, urteilte, dass d'Eon eine Frau sei. Weil aber trotzdem noch Zweifel bestanden, blieben viele Wetten offen bis zum Tod d'Eons viele Jahre später.

Der Rückkehrvertrag

Nach dem Tod Ludwig des 15. im Jahr 1774 bemühte sich d'Eon um eine Rückkehr nach Frankreich. Das lag auch im Interesse des neuen Königs, Ludwig XVI. Er wollte einerseits die gestohlenen Dokumente aus d'Eons Besitz weil er die Invasionspläne seines Vorgängers nicht teilte und sie einer echten Entspannung der Beziehungen zwischen beiden Ländern gefährlich werden konnten und andererseits wohl auch um den peinlichen Chevalier von der diplomatischen Bühne zu holen.. Der tief verschuldete d'Eon reagierte prompt. Er schickte aus einem Versteck in London Briefe nach Paris in denen er den König mit der Drohung erpresste, seine Spionagetätigkeit öffentlich zu machen.. Er verlangte neben einer erheblichen Summe Geldes auch, eine schriftliche Garantie des Königs, dass dieser ihn in Frankreich vor seinen Feinden beschützen werde, bevor er sein Büro in London aufgeben werde. Falls es nicht zu einer Einigung käme, wollte er seine gesamte geheime Korrespondenz mit Ludwig XV, inclusive der geheimen französischen Invasionspläne, den Engländer aushändigen.
Im April 1775 sandte Ludwig XVI Pierre Augustin Caron de Beaumarchais nach England, um mit d'Eon über die Rückgabe der prekären Dokumente zu verhandeln. Diese Verhandlungen endeten am 4. November 1775 mit einem Vertrag, dessen Klauseln in der Weltgeschichte wohl einmalig sind. Der Köig verpflichtete sich, d'Eon wieder nach Frankreich zu lassen. Seine Pension von 12.000 Livres wurde ihm wieder gewährt (inclusive der Zinsen für die entgangenen Zahlungen) und vierteljährlich ausgezahlt. Zusätzlich erhielt er einen Betrag, der ausreichend war, seine Schulden zu decken. Im Gegenzug überreichte d'Eon die geheimen Dokumente über die französischen Kriegspläne gegen England und verpflichtete sich in Frankreich als Frau zu leben.
Über die Gründe, die zu dieser verblüffenden Vertragsklausel führten, gibt es verschiedene Erklärungen.
D'Eon selbst hatte gefordert, als Frau anerkannt zu werden.Die Erpressung des Königs konnte nicht ohne Sanktion bleiben, aber richtig bestrafen konnte man d'Eon auch nicht, weil seine Sicherheit garantiert war. Clevere Zwischenlösung: nicht der (erpresserische) Mann, sondern "bloß" die Frau darf zurück nach Frankreich
D'Eons angebliches Verhältnis mit Sophie Charlotte (das evtl. auch nicht folgenlos geblieben ist) wäre nicht länger übersehbar gewesen, wenn d'Eon, zweifelsfrei als Mann in Frankreich leben würde. Die französische Krone hatte dem englischen Hof zudem ausdrücklich versichert d'Eon sei eigentlich eine Frau... und dabei musste es jetzt bleiben, um niemanden zu kompromittieren.
Die Beleidigungen, die d'Eon Guerchy zugefügt hatte waren für dessen Familie nicht tolerabel, so dass er aus diesem Grunde nicht als Mann zurückkehren konnte. Es ist zu vermuten, dass die Wahrheit wohl in einer Kombination verschiedener Gründe liegen dürfte.

Rückkehr nach Frankreich

1777, im Alter von 49 Jahren, verließ d'Eon London und kehrte nach 14 Jahren nach Frankreich zurück. Verblüffenderweise (aber was kann uns nach dem vorhergegangenen an unserem Helden noch verblüffen?) war er gekleidet in seine Uniform als Hauptmann der Dragoner als er nach Versailles kam. Marie Antoinette selbst schickte ihre Schneiderin Rose Bertin, um D'Eon weibliche Kleidung zu nähen. D'Eon wurde eine Frist von 3 Tagen eingeräumt, in männlicher Kleidung nach Tonnerre zu reisen. Am 21. Oktober zog er weibliche Kleidung an (zu der er jedoch immer das Ludwigskreuz trug) und damit war aus dem Chevalier die Chevaliere D'Eon geworden. Am 21. November wurde «sie» offiziell am Hof von Versailles eingeführt.
Am Ende des Jahres 1777 war d'Eon sowohl in England als auch in Frankreich vor dem Gesetz eine Frau.
Wir sollten dieser Rechtslage Rechnung tragen und ab jetzt von D'Eon als Dame sprechen.

Rebellion gegen die Röcke

Zunächst gefiel ihr das Arrangement sehr gut. Doch 1778, als Frankreich sich am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen England beteiligte, schrieb d'Eon Briefe an das Außenministerium. Sie bat darum, die Röcke ausziehen und statt dessen ihren Militärdienst wieder aufnehmen zu dürfen und nach Amerika geschickt zu werden. Statt dessen wurde sie 1779 für 19 Tage in das Gefängnis unterhalb des Château of Dijon geworfen, weil sie es gewagt hatte, dem König zu trotzen und mal wieder in ihrer Dragoneruniform unterwegs gewesen war.
D'Eon wurde unter der Bedingung wieder freigelassen, dass sie nach Tonnerre zurückkehrte und ihr wurde das erneuerte Versprechen abgenommen, für den Rest des Lebens eine Frau zu bleiben.
"Charles Genevieve Louise Augusta Timothee d'Eon de Beaumont wird hiermit aufgegeben, die Dragoneruniform beiseite zu legen, die sie gewöhnlich trägt und künftig die Kleidung ihres Geschlechtes zu tragen. Und es ist ihr verboten künftig im gesamten Königreich in anderer Kleidung zu erscheinen als solcher, die einer Dame ziemlich ist."

Landleben in Tonnerre

Die mit der Anordnung verbundene Sanktionsandrohung des Verlustes ihrer Pension hat d'Eon offensichtlich beeindruckt.
Die nächsten 6 Jahre lebte sie überwiegend bei ihrer Mutter in Tonnerre. Christlicher Glaube, insbesondere Jansenistische Ideen wurden wichtig in ihrem Leben.
"Lias"-Jahre gingen dahin und die Gründe, die zu der Verpflichtung als Frau zu leben geführt hatten, verloren an Bedeutung. Die Umstände wurden der Chevaliere zunehmend lästig.
Unter dem Namen La Fortelle, veröffentlichte d Eon die Geschichte ihres "Vie militaire, politique et privée", die mehr eine Neuerfindung der Vergangenheit war.
1785 verstieß d'Eon wiederum gegen die Auflagen und wurde gesehen, wie sie in der alten Dragoner-Uniform über ihre Felder ritt. Erneut wurde ihr aufgegeben sich nie mehr öffentlich anders als weiblich gekleidet zu zeigen.

Ausreise nach England

1785, 4 Jahre vor Beginn der französischen Revolution, bekam d'Eon die Erlaubnis, nach London zu gehen und dort ihre Angelegenheiten zu regeln, insbesondere die Bibliothek und andere Besitztümer zurückzubringen. Dadurch sollten auch verfängliche Dokumente, die Frankreich belasten könnten, eingeführt werden. So schickte Frankreich Madame d'Eon auf die Reise und gab ihr 6.000 Livres mit.
Sie ließ sich in London nieder, um dort den Rest seines Lebens zu verbringen. England war für sie "ein Land freier als Holland, und wert von einem Mann des Denkens und der Freiheitsliebe besucht zu werden".
D'Eon ging als Lia nach England, was verwundert, weil sie sich in Frankreich ja so vehement gegen die Röcke gewehrt hatte, dass sie ernsthafte Probleme bekam. Tatsächlich sollte "Charles" nie mehr erscheinen, d'Eon lebte ihre letzten 20 Jahre komplett als Frau. Obwohl Ludwig XVI nicht länger König war und die Vereinbarung zwischen ihm und d'Eon nicht länger gültig war, kleidete sie sich weiterhin als Frau, eventuell um Sophia-Charlotte zu schützen. Ironischerweise entschied sich d'Eon für das "schöne Geschlecht" zu einem Zeitpunkt, als das fortschreitende Alter sie als Frau weniger passabel erscheinen ließ. Horace Walpole traf d'Eon im Jahr 1786 und fand sie laut und vulgär: "Ihre Arme und Hände schienen an dem Geschlechtswechsel nicht teilgenommen zu haben und sind mehr geeignet, einen Stuhl zu tragen als einen Fächer." Und James Boswell schrieb: "Sie schien mir ein Mann in Frauenkleidern zu sein."
In der Folge der Französischen Revolution, deren Ideale sie begrüßte (zur Zeit der Revolution nannte sie sich "Dèon"), verlor D'Eon ihre Pension und damit ihre finanzielle Absicherung.

Bibliothek

1791 sah sich D'Eon gezwungen ihre geliebte Bibliothek, in die sie so viel Geld und Liebe investiert hatte, zu verkaufen. Sie beauftragte deshalb ihren Freund Christie mit dem Verkauf, der mit ihr dies Verzeichnis der zur Versteigerung kommenden Schätze herausgab: "Katalog der seltenen Bücher und kostbaren Handschriften der Chevaliere d'Eon, der ehemals bevollmächtigter französischer Gesandter in England .... enthaltend eine große Anzahl alter sowie neuer Handschriften, eine wertvolle Sammlung von Wörterbüchern und von französischen, griechischen, lateinischen, englischen Druckwerken, auch von orientalischen Schriften .... und das die Vorrede des Katalogs eine interessante Schilderung der sehr eigenartigen Position der Mlle. D'Eon enthält....". Dieses verlockende, für einen Schilling verkaufte Verzeichnis hatte den gewünschten Erfolg: die Bücherei wurde nicht verkauft, aber eine bei dem Bankier Hammersley eingeleitete öffentliche Sammlung brachte der Chevaliere 465 Pfund Sterling ein, die sich trotz der prekären finanziellen Lage beeilte, den größten Teil der Summe der Bibliophilie zu opfern: 1792 kaufte sie die von Mead und Douglas zusammengebrachte Kollektion von 500 Ausgaben des Horaz, deren Verzeichnis sie redigiert hatte, bei Christie für 100 Pfund. Am 24. Mai 1793 war die Chevaliere dann aber doch so weit. Sie musste einen Teil ihrer Bücherei durch Christie versteigern lassen.




D'Eon gründete eine erfolgreiche Fechtschule. Es muss ein eigenartiges Bild gewesen sein, wie sie jungen englischen Gentlemen Fechtunterricht gab - immer als Frau gekleidet. Am 9. April 1787 focht sie im Carlton House seinen berühmtesten Kampf gegen den Chevalier de Saint George, einen Adligen aus West-Indien, der allgemein als der beste Fechter Europas galt. Bei diesem Kampf schaute auch der Prince of Wales zu. Der Sieg war triumphal: d'Eon brachte es auf 7 Treffer, während sie ihr Gegner nicht einmal berührte. Das Ergebnis ist um so erstaunlicher, nicht bloß, weil d'Eon natürlich in Frauenkleidung kämpfte, sondern insbesondere weil sie zu diesem Zeitpunkt bereits 58 Jahre alt (und ziemlich korpulent) war -17 Jahre älter als ihr Gegner.

D'Eon schlug Kapital aus diesem Sieg, indem sie mit einer kleinen Truppe von Fechtern durch die Provinz tourte und dort Schaukämpfe veranstaltete.
Im August 1796 trat d'Eons kleine Truppe in Southampton auf. Die gebrochene Degenklinge ihres Mitstreiters Jacob de Launay drang ihr in die Seite ein. Sie war schwer verwundet und rang 4 Monate mit dem Tod. Sie erholte sich nie mehr richtig von dieser Verletzung und kämpfte nie wieder.

Die späten Jahre

1795 machte d'Eon die Bekanntschaft der etwa gleichaltrigen Admiralswitwe Mrs. Mary Cole und sie lebten die nächsten 15 Jahre gemeinsam in einem Haus.
Tragischerweise lebte d'Eon während ihrer letzten Jahre in Armut und Elend., Lediglich mit einer kleinen Rente ausgestattet, die ihr die Königin von England gewährte.
1804 kam sie für 5 Monate ins Schuldgefängnis, wo sie von ihrer Mitbewohnerin Mrs. Cole ausgelöst wurde.
1805 unterschrieb sie einen Vertrag für ihre Autobiographie, die La Pucelle de Tonnerre heißen sollte. Sie wurde nie veröffentlicht.

Die Chevaliere D'Eon starb friedlich in ihrem Bett am 21. Mai 1810.
Aber D'Eon kam wurde nicht ohne weiteres begraben: Es gab da immer noch eine wichtige Frage zu klären; Frau? Hermaphrodit? Oder doch ein Mann? Der Klärung, die D'Eon Zeit seines Lebens vermieden hatte, konnte er jetzt nicht mehr verhindern. Er wurde gerichtsmedizinisch untersucht und das Ergebnis war eindeutig:
"I hereby certify that I inspected and dissected the body of le chevalier d'Eon in the presence of M. Adair, M. Wilson, le père Elysée and found the male organs of generation in every respect perfectly formed.”
Millman street - May 23 1810
Th. Copeland. Surgeon
Erst jetzt wurde d'Eons Freundin, Mrs. Cole, klar (wahrscheinlich eine unangenehme und etwas verspätete Enthüllung), dass ihre langjährige Hausgenossin ein Mann war.
D'Eon liegt auf dem St. Pancras Friedhof in London begraben, wo sein bzw. ihr Grabstein noch heute zu sehen ist

© Jula 2004

6. September 2008

Jean Phlippe Rameau in Wien



La Guirlande und Zéphyre


Zwei musikalische Petitessen der Extraklasse! Das Genre des acte de ballet ist eine typisch französische Musikgattung des Barock und ihrem Charakter nach mehr Oper als Tanztheater, sind die tragenden Rollen doch Sängern zugeordnet.

Jean-Philippe Rameau, der vielleicht brillanteste und vielfältigste Musiker seiner Zeit, hat sich gegen Ende seines Lebens verstärkt dem populären Genre des acte de ballet zugewandt. Diese typisch französische Musikgattung des Barock ist ihrem Charakter nach mehr Oper als Tanztheater, sind die tragenden Rollen doch Sängern zugeordnet. La Guirlande und Zéphyre zeigen den Komponisten am Höhepunkt seiner Schaffenskraft, haben aber bis heute nicht die Beachtung gefunden, die ihnen zusteht. Zwei musikalische Petitessen der Extraklasse!

Mitwirkende:
Musikalische Leitung: Bernhard Klebel, Inszenierung & Choreographie: Giorgio Madia,
Ausstattung: Cordelia Matthes, Licht: Harry Michlits; Barockorchester der Wiener Kammeroper auf historischen Instrumenten

Musikkritik aus dem Klassikforum Tamino

Kartenvorvekauf und Spielplan der Kammeroper

Musik am Französischen Hof

28. Juni 2008

Hermann Moritz von Sachsen - Le Maréchal de saxe


Der Nächste im Reigen der Edelvasallen von Louis XV. ist Moritz von Sachsen, ein Sohn von August dem Starken. Als begnadeter Kriegsherr war er im Dienste des französischen Königs von 1720 bis 1748. Nationalismus war zu dieser Zeit noch unbekannt und Franzosen schlossen den Deutschen Moritz von Sachsen und seine deutschen Truppen und später seine Volontaires de Saxe in ihr Herz.
Sein Handwerk, das er mit einer Begabung und Akribie betrieb, lernte er bei Prinz Eugen von Savoyen der in Österreich so wie Moritz von Sachsen in Frankreich noch heute wie Helden verehrt werden.

Moritz von Sachen bescherte den Franzosen, die zu dieser Zeit als nicht besonders kriegstüchtig galten, durch geniale Kriegsführung einen Sieg nach dem anderen. Er blieb während seiner ganzen Dienstzeit unbesiegt und war vom Französischen Volk, seinen Truppen und dem König angesehen und respektiert.
Die Haustruppe und Leibgarde von Moritz von Sachen waren die berüchtigten Volontaires de Saxe eine bunt zusammen gewürfelte Reitertruppe aus aller Herren Länder zu seiner persönlichen Verfügung.
König Louis XV. stellte ihm das Schloss Chambord auf Lebenszeit zur Verfügung auf das er sich 1748 nach dem Frieden von Aachen zurückzog.


Eine kurze Anekdote aus seinem Leben zusammengefasst aus einen Brief der Madame Pompadour:

Da die Französischen Truppen sehr trinkfreudig und gerne Schlachtlieder bis in tiefe Nacht sangen, kam es immer wieder vor und insbesondere vor wichtigen Schlachten, dass mit viel Wein und Gesang Stimmung gemacht wurde. Daher waren die Regimenter kurz vor den Schlachten noch recht angeheitert und nicht voll einsatzfähig.

Da die Französischen Truppen, die zum großen Teil aus jungen Adeligen bestanden, für die ein ehrvoller Heldentod sozusagen zum Geschäft gehörte, drohte Ihnen Moritz von Sachsen damit, jeden Trunkenbold beim nächsten Gefecht in den Schützengräben zurückzulassen.
Die Drohung nicht mit den Freunden den Heldentod sterben zu dürfen, oder womöglich vom Feind hinter der Gefechtslinie als Feigling aufgefunden zu werden, genügte vollauf um alle Franzosen stocknüchtern zu halten.
Zumindest bis zum nächsten Gefecht.

Da aus deutscher Sicht, wenig Literatur vorhanden ist, habe ich die Wikibiographie in den Titellink eingefügt.

17. Juni 2008

François-Joachim de Bernis - Kardinal, Botschafter und Lebemann



Heute stelle ich euch die schillernde Biographie des Kardinal de Bernis vor.
Kardinal de Bernis bildet den Anfang eines Reigen von Persönlichkeiten die im Umfeld von Louis XV. herausragende Karrieren hingelegt haben.
Ludwig XV. hatte die Bestellung seiner Vertrauten sehr umsichtig gestaltet und unabhängig ihres Standes Augenmerk auf starke Charaktere, charismatische Ausstrahlung und Hingabe zur Aufgabe gelegt.


Der folgende Artikel ist von Alipius, ungekürzt aus dem lesenswerten Google blog:
Rom Römer am römsten ,wiedergegeben.


Ich weiß auch nicht, warum die zwiespältigen Biographien es mir häufig so angetan haben. Jedenfalls stand und steht Francois Joachim de Pierre Kardinal de Bernis ganz oben auf meiner Liste der historischen Persönlichkeiten, bei denen ich gerne mal Mäuschen gespielt hätte.

Gründe dafür sind die Aufs und Abs in seinem Leben, die unzähligen Anekdoten, die sich um ihn ranken, seine zugleich dreiste und doch irgendwie sympathische Bombasterei als französischer Botschafter beim Heiligen Stuhl und vor allem auch seine späte aber ehrliche Konversion zu einem Leben in Gottvertrauen und Stille.

Man stelle sich das mal vor: Da wird ein Bub im Jahre 1715 in eine traditionsreiche aber verarmte französische Adelsfamilie hineingeboren und zum geistlichen Stande bestimmt. Als ob das automatisch einen Parade-Priester hervorbringt. Ganz und gar nicht: Für den jungen Francois bedeutete der Titel "Abbé" erst einmal nichts weiter, als das Tragen einer Tonsur und schwarzer Kleidung. Auf der To-Do-Liste des komplett weltich orientierten Herrn standen ganz andere Dinge: Ein Entfliehen aus der für einen Mann seiner Herkunft unwürdigen Mittellosigkeit und das Erlangen eines Namens, der mit der Bedeutung der Familie konform geht. Das Projekt lief eher schleppend an. Zwar wurde De Bernis Mitglied in zwei Domkapiteln und aufgrund seiner schriftstellerischen (besonders dichterischen) Fähigkeiten gar Mitglied der Academie Francaise. Aber die Vita des Abbé kam erst richtig in Fahrt, als er Bekanntschaft mit der künftigen Madame Pompadour machte. Die zwei mischten für einige Jahre den französischen Hof ein wenig auf. Wenn die Folgen der Pompadourerei für Versailles auch verheerend waren, bedeuteten diese Jahre für De Bernis immerhin ein hübsches Einkommen, einer hübsche Pension und endlich den hübschen Posten des Französischen Gesandten in Venedig (1752-1755).

Hier wird der Abbé zum ersten Mal für ein breiteres Publikum erfaßbar: Der "größte Liebhaber aller Zeiten", Giacomo Girolamo Casanova de Seingalt, macht in seiner Biographie ein wenig Platz für De Bernis. Dies so spektakulär, daß der gute Kardinal der Nachwelt zum größten Teil als "der Pfaffe, mit dem Casanova ein Schnittchen teilte" in Erinnerung ist. Keine Ahnung, wie doll der Abbé es damals wirklich trieb. Es scheint, als war sein Interesse an der berühmt-berüchtigten Nonne "M.M." (wie auch später in Rom im Falle der Prinzessin Santa Croce) eher erotischer als sexueller Art. Ob De Bernis nun ein Hansdampf in allen Betten, ein verunsicherter Voyeur oder nur ein händchenhaltender Romantiker war: Ich lasse den ersten Stein mal liegen.

Für die Geschichtsschreibung greifbar wird der Abbé dann wieder in Frankreich. Sein Venedig-Auftritt wurde als ziemlich erfolgreich eingestuft und brachte ihm das Wohlwollen der französischen Krone und des Papstes ein. Hier ist (zumindest für mich, der ich kein Historiker sondern nur plumper Konsument diverser De Bernis-Biographien bin) ertsmals ein Hauch von Konversion spürbar. Wahrscheinlich erkannte der Abbé, daß eine Zukunft im Talar eine nicht uninteressante Option ist. Immerhin empfing er noch vor der Rückkehr nach Frankreich vom venezianischen Patriarchen die Weihe zum Subdiakon.

In Frankreich wartete die Beförderung zum Außenminister (1756), ein Job, der leider alles andere als glücklich verlief: Am Ende des Siebenjährigen Krieges war es De Bernis, dem der geballte Zorn des Hofes galt. Berechtigt ist dies nur zum Teil, denn die Weichen für die neue Politik wurden bereits von seinem Vorgänger gestellt und die französischen Generäle, die im Siebenjährigen Krieg kämpften, waren überwiegend Pompadour-Kreaturen und daher Looser in flotten Uniformen. Da aber der Abbé beim Aufstieg der Pompadour mitspielte, muß er sich schon den ein oder anderen Vorwurf gefallen lassen. Naja, jedenfalls wurde er vom König erst einmal vom Hof in die Abtei Vic-sur-Aisne verbannt. Normalerweise war dies für einen aufstrebenden aristokratischen Court Lizard der soziale Tod. Für De Bernis war es genau die Pause, die er brauchte.

Er schrieb, grübelte, betete, ließ sich zum Diakon und Priester weihen und wurde Vegetarier (aus Gesundheitsgründen). Der Papst war schließlich der Erste, der sich an die Verdienste des Abbé erinnerte. Er machte ihn im Jahre 1758 zum Kardinal. Der französische Hof zog dann auch nach. Der Groll Ludwigs des Fünfzehnten verflog und De Bernis wurde im Jahre 1764 Erzbischof von Albi. Hier bestach er durch ein reges Interesse an den Geschehnissen in seiner Diözese. Ich habe zwar all meine Biogrphien daheim im Stift, aber ich erinnere mich gut an eine englischsprachige Vita, in welcher der Kardinal als eine "scheinbar an allen Orten zugleich auftauchende Feuersäule" beschrieben wird. Auch nutzte er seine Jahre in Albi, um schon mal ein wenig für den Höhepunkt in Rom zu proben: Er motzte die erzbischöfliche Residenz und die dazugehörigen Gärten auf, hielt aber zugleich auch ein Auge auf die Bedürfnisse seiner Schäfchen: Als die Diözese von schweren Unwettern und Überschwemmungen heimgesucht wurde, entleerte De Bernis nicht nur seine Privatschatulle, sondern nahm auch noch Kredit auf, um zu helfen. Sprich: De Bernis erwarb sich einen anständigen Ruf, der ihm sicherlich dabei behilflich war, den Gipfel zu erklimmen: Im Jahr 1769 wurde er zum Französischen Botschafter in Rom ernannt. Mit diesem Titel waren nicht nur Ansehen und Ehren, sondern auch ein beachtlicher Haufen Extra-Kohle verbunden, so daß De Bernis, als er einmal in Rom eingetroffen war, praktisch über Nacht vom wohlhabenden Mann zum Millionär wurde.






Es steht geschrieben, daß der Kardinal in Rom die erstaunlichste diplomatischte Niederlassung der Geschichte aufbaute. Das mag stimmen oder auch nicht. Fest steht, daß er in der Tat weder Kosten noch Mühen scheute, als Botschafter Frankreichs die Liebe zu seinem Land und zu seinem König in allen Aspekten auch äußerlich zum Tragen zu bringen. Auf dem Corso wurde der riesige Palazzo de Carolis bezogen (Bild links; heute Hauptniederlassung der Banca di Roma) und ziemlich erlesen ausgestattet. Ein Heer von Angestellten und Mitarbeitern wurde eingestellt. Das Botschafteramt verbunden mit der Kardinalswürde führte dazu, daß, wenn De Bernis mit seiner Entourage in offizieller Funktion sich vom Palazzo de Carolis zum Vatikan begab, sein Treck von bis zu 14 (vierzehn) Karossen ein Umleiten des Verkehrs in Halb-Rom erforderte.

Unter den Angestellten des Botschafters ist sicherlich der Koch besonders hervorzuheben. De Bernis war ein geselliger Kerl und bewirtete an einem normalen Tag durchschnittlich 20 Gäste an der Abendtafel. Daß diese Gäste mehr wollten als Curry-Combi und Pommes-Schranke, ist klar. Und sie bekamen mehr. Noch in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts, fünf Jahrzehnte nach dem Tod des Botschafters, wurde von seiner Küche mit ehrfürchtigem Ton gesprochen, so als umwehte sie ein Hauch von Heiligkeit. Das Nobel-Futter war nicht nur Selbstzweck. Immerhin trug der Botschafter mit seiner Tafelrunde seinen Teil dazu bei, daß die europäischen Mächte sich in Form ihrer Gesandten im Palazzo de Carolis zwanglos begegnen konnten und somit eine gewisse Harmonie aufrecht erhielten.

Es gibt eine nette Anekdote über den Koch des Kardinals: Dieser wurde eines Tages beauftragt, einen besonderen Fisch (habe leider vergessen, welchen) in größtmöglicher Ausführung zu kaufen. Er fand das Gewünschte auf einem Markt und wollte schon zulangen, als der Koch des spanischen Botschafters auftauchte und ebenfalls Interesse bekundete. Nach einem kurzen "Ich bin der Koch des Botschafters von Frankreich!" - "Und wenn schon! Ich bin der Koch des Botschafters von Spanien!" folgte reges Feilschen, welches ein Ende fand, als der spanische Koch eingestand, er müsse erst die Erlaubnis seines Herrn einholen, bevor er so viel Geld für einen Fisch ausgibt. Er trottete davon und De Bernis' Koch - an kein Limit gebunden - schlug zu. Die Menge der Schaulustigen, die sich mittlerweile angesammelt hatte, ließ darauf den französischen Botschafter spontan hochleben.

Und nicht nur im Palazzo wurde dick aufgetragen: Wenn es galt, ein Ereigniss wie z. B. die Geburt des Dauphin zu feiern, verwandelte De Bernis seine Kirche San Luigi dei Francesi (Bild) in ein Opernhaus voll von überdrehter Barock-Dekoration. Daneben war der Kardinal aber auch großzügig und spendabel, sei es im Großen (er finanzierte jährlich die Hochzeiten von Dutzenden von Waisenkindern) oder im Kleinen, wie diese Anekdote zeigt: Zum Inner Circle des Kardinals gehörte ein alter und einfacher französischer Abbé. Dieser Mann hatte im Laufe der Jahre eine gewisse Zuneigung zu De Bernis entwickelt, konnte aber die Gegenwart des Kardinals nie richtig genießen, da er aufgrund seiner sozialen Stellung bei Tisch immer viel zu weit vom Hausherrn entfernt saß. Eines Tages wurde De Bernis auf diese Problematik aufmerksam gemacht. Bevor man sich zum Speisen niederließ ging er zum Abbé und sagte etwa: "Ich kann Euch heute bei Tisch sicherlich nicht oft in die Augen schauen oder Eure Anwesenheit geziemend würdigen. Wenn ihr aber seht, daß ich meinen Finger auf diese Art an meinen Nasenflügel lege, dann wißt Ihr, daß ich in diesem Moment an Euch denke." Geigenklang und Vogelgezwitscher, aber so steht es geschrieben und - wie die Italiener sagen: "Se non e vero, e ben trovato!"

Ein Kardinal im Rom des 18. Jahrhunderts war quasi gesetzlich verpflichtet, eine Beziehung zu einer Dame der Gesellschaft zu pflegen und so für Klatsch und Tratsch zu sorgen. Tat er dies nicht, so sorgte er für umso mehr mehr Klatsch und Tratsch. De Bernis' Erwählte war die Prinzessin Santa Croce. Auch hier gibt es eine wilde und in neueren Publikation nicht mehr überlieferte Legende: Während der Papstwahl im Jahre 1775 war De Bernis der von den Bourbonischen Mächten auserkorene "Papstmacher". Erstens hatte er diese Rolle bereits 1769 gut ausgefüllt und zweitens hielt man ihn für unjesuitisch genug. Der Kardinal selbst hatte aber so gar keine Lust auf Kirchen- oder Europapolitik, schmachtete er doch gleich nach dem Betreten des Konklave nach seiner Prinzessin. Da seine Box am Ende einer der Reihen stand, ließ er kurzerhand ein Loch in eine Seite brechen und mit Tuch verhängen, so daß er nach Lust und Laune kommen und gehen konnte. Zwar wußte bald Jedermann und seine Mama vom Hintertürchen ins Paradies, offenen Widerspruch gab es aber wegen der Wichtigkeit des Französischen Botschafters nicht. Naja...

Jedenfalls lebte der Kardinal lange genug, um die Folgen der französischen Revolution selbst in Rom zu spüren. In der englischen Biographie gibt es einen netten Absatz. Beschrieben wird eine fiktive Situation, in welcher De Bernis im Jahr 1789 in seiner Kutsche durch Rom rollt. Eine gepuderte Perücke auf dem Haupt, sich aus einer juwelenbesetzten Schnupftabakdose bedienend, schaut er aus dem Fenster und sieht einen jungen Kerl mit langen Hosen und noch längerem braunen Haar. Und er weiß, daß dieser Mann auf eine Zukunft hindeutet, die er, der Kardinal, nicht verstehen wird.

Und - klar genug - so kam es dann auch: Da er Aristokrat und Prälat war und darüberhinaus sich im Ausland aufhielt, wurde er als Emigrant eingestuft, was dazu führte, daß sein Besitz in Frankreich geplündert, verschleudert oder zerstört wurde. De Bernis nahm es mit Schulterzucken und anständigem Humor. Dazu wollten die neuen Machthaber in Frankreich, wenn überhaupt, so sicherlich keinen Kardinal als Gesandten im Rom, so daß De Bernis nicht nur auf seine Einkünfte aus seiner Diözese und seiner Abtei sondern auch auf sein Botschafter-Gehalt verzichten mußte. So stieg er dann im Jahre 1791 den Hügel wieder hinab und sank von Überfluß in Mittellosigkeit (denn der Kardinalstitel alleine brachte schon damals nichts ein). Immerhin machte der spanische Hof eine Rente locker, so daß De Bernis nicht das gesamte Mobiliar des Palazzo de Carolis verkaufen mußte. Der schwächelnde Kirchenfürst gewährte den aus Frankreich geflohenen Tanten des Königs Unterschlupf in seinem Haus. Als dann im Jahre 1793 König Ludwig XVI ermordet wurde und der Kult der Vernunft den Katholizismus in Frankreich praktisch auslöschte, wußte De Bernis, daß die Welt, die er kannte und liebte, nicht mehr existierte. Da sah wohl auch der Kardinal nicht ein, warum er sich noch krampfhaft ans Leben klammern sollte. Noch grade rechtzeitig gedachte er der "Vanitas vanitatis" und verbrachte sein letztes Jahr in einem nun leeren, stillen und dunklen Palast damit, sich ernsthaft und fromm auf das Ende vorzubereiten. Er verstarb am 3. November 1794

20. April 2008

Étienne de Silhouette


Von der Geschichte längst vergessen, wäre da nicht sein Name:
Étienne de Silhouette, den Ludwig XV. 1759 zum Finanzminister ernannte


Um neue Steuern und eine vorübergehende Finanzkrise abzuwenden, schlug Etienne de Silhouette seinem König ein denkbar einfaches Konzept vor. Sparen und nichts als sparen, so lautete seine Devise. Doch mit dieser Politik scheiterte Silhouette und macht sich darüber hinaus zum Gespött der Leute. Man gab ihm den Spitznamen „banqueroutier“. Schließlich nach acht Monaten im Amt, gab er auf und zog sich auf seinen Landsitz zurück.
Sein Sparprogramm aber lebte in der Phantasie des Volkes fort: Alles was den Anschein von Kargheit oder Knauserigkeit erweckte, versah man mit der Wendung „á la silhouette“. Pariser Schneider machten sich gar den Spaß, Kittel ohne Falten und Jacken Taschen zu entwerfen (Geld, um es hineinzustecken, gab es ja nicht), die sie „Habits á la Silhouette“ nannten. Da lag es nahe auch die in Mode gekommene und besonders billige Technik des Porträts, den Schattenriss, als „Silhouette“ zu bezeichnen. Überdies war das Ausschneiden und Zeichnen von Schattenbildern eine große Leidenschaft des so kläglich Gescheiterten. Die Bezeichnung Silhouette setzte sich dann allgemein durch, auch über Frankreichs Grenzen hinaus, und 1835 erkannte sie die Acadámie francaise offiziell an. Bis heute steht sie für die Versinnbildlichung des Schattens.
Anders als der Scherenschnitt, bei dem das Profil – vorgezeichnet oder nicht – direkt aus dem Papier geschnitten wird, entsteht die Silhouette, indem ein auf die Wand oder auf Papier geworfener Schatten umrissen und dann mit Pinsel oder Tusche schwarz ausgefüllt wird. Erst dann kann geschnitten werden.
Europa befand sich vor der Erfindung der Fotographie in einem wahren Silhouettenrausch: Jeder europäische Fürstenhof, der auch sich hielt, beschäftigte einen begabten Silhouettenschneider, Kaufleute und Beamte klebten die Silhouetten ihrer Familie in obligatorische Album, Fischhändlerinnen trugen das Schattenbild des Geliebten in Scheingold gefasst an ihren Armbändern, und zeitweise verliehen die Frauen in Paris ihrem Gesicht Pikanterie, indem sie fliegengroße Silhouetten aus Samt als Schönheitspflästerchen benutzten. Aber auch auf Glas oder Porzellan fand man die beliebten Silhouettenmotive.
Doch wäre die Silhouette keine Kunst des 18. Jahrhunderts ohne das notwendige Quäntchen Wissenschaftlichkeit. Hierfür sorgte vor allem die von dem Schweizer Theologen Johann Kaspar Lavatar propagierte Physiognomie, nach der der Charakter eines Menschen an der äußeren Erscheinung zu erkennen sei. So stand für Lavater zweifelsohne fest, keine Kunst an die Wahrheit eines gut gemachten Schattenrisses“ reiche.
Goethe, selbst ein berühmter Silhouettist, schrieb 1791: „Jedermann war im Silhouettieren geübt und kein Fremder zog vorüber, den man nicht abends an die Wand geworfen hätte, der Storchenschnabel durfte nicht rasten.“ Der Storchenschnabel war ein Pantograph der bereits 1603 von dem Jesuiten Christoph Scheiner erfunden worden war und mit dessen Hilfe der Schattenriss beliebig verkleinert werden konnte, Ähnlich funktionierte der 1786 erfundene Physiontrace von Gilles Louis Chrétien, mittels dessen die verkleinerten Profile auf Papier, Stuckkarton oder Elfenbein aufgetragen werden konnten.
Während immer neue Silhouettierapparate erfunden wurden, machte Nicéphore Niepce 1822seine erste fotografische Aufnahme. Eine neue Kunst war geboren, die die Natur noch schneller, noch billiger und – wie es schien – noch wahrheitsgetreuer abbildete. Die Silhouettenkunst war endgültig ins Reich der Schatten verbannt.







Entnommen der Zeitschrift - „Damals“ von Anja Röhrich

18. April 2008

Brillat-Savarin der Botschafter des guten Geschmack



Während der Adel auf dem Kontinent bereit war, sein Leben zu lassen, damit die Ideen der Französischen Revolution sein behagliches Salonleben nicht noch weiter erschütterten, war Englands Hocharistokratie bereit, für einen Salat zu sterben oder nicht mehr bereit bloß Öl und Essig an ihr rohes Gemüse zu lassen.
Chevalier D`Albinac, ein junger französischer Adeliger, der im englischen Exil lebte, war eines Tages in einem feinen Londoner Restaurant von einem Dandy der englischen Hocharistokratie angesprochen worden: „Pardon, Herr Franzose! Es heißt, Ihre Nation macht den besten Salat der Welt. Würden Sie uns das Vergnügen machen, sich einmal des unsrigen anzunehmen?“ D´Albinac machte der Tischgesellschaft das Vergnügen und legte damit gleichzeitig den Grundstein für eine beispiellose Karriere als „fashionable saladmaker“, wie man ihn bald nannte.
Seine Meisterschaft sprach in den feinen Kreisen herum und d´Albinac wusste, was er seiner Klientel schuldig war:
Er fuhr mit einem Vierspanner von Lunch zu Dinner, stets gefolgt von einem Diener, der ihm Ebenholzkästchen die unentbehrlichen Ingredienzien reichte: Essig, Öl, Kaviar, Anchovis, Trüffel oder Eigelb für die Mayonnaise. Dieses Salat-Necessaire, von d´Albignac erdacht, ging bald in die serienmäßige Produktion und machte seinen Erfinder zum reichen Mann.
Solche Anekdoten finden sich in der „Physiologie des Geschmacks“ von Jean Anthelme Brillant-Savarin (1755 – 1826). Der Jurist trug viele Tischanekdoten zusammen: Gelehrige, geistvolle, oft nur amüsante, dabei stets den Esprit des 18. Jahrhunderts versprühend, weshalb das Werk, die „Bibel“ der Feinschmecker, noch immer gerne gelesen und zitiert wird. Sein gastronomischer Nebenbuhler Grimond de la Reynière urteilte: „Es ist ohne Widerrede das beste Buch, das seit vielen Jahren erschienen ist, und würde von Rechts wegen dem Autor die Türe zur Akademie öffnen, wenn diese sich für die Leute von überlegenem Genie überhaupt auftäte.“
Bei allem Lob wird oft übersehen, dass Brillat-Savarin nicht als feinschmeckerischer Feingeist in die Geschichte eingehen wollte, sondern als Professor der Gastronomie. Den das Ziel seiner 30 Jahre währenden Arbeit an der „Physiologie“ war , auf heitere Art, fernab von Regeln die vorab festgeschrieben sind, den guten Geschmack zu beschreiben, den dieser ist keine Frage der Betrachtung, der eigenen Befindlichkeit und nicht der Mode unterworfen, sondern einmalig und unvergänglich.
In den Zusammenhang der Ästhetisierung des Essen gehört auch die Unterscheidung zwischen der „direkten und robusten Empfindung“ der Esslust und den Tafelfreuden: „Esslust haben wir mit den Tieren gemeinsam“, den sie „braucht Hunger, mindestens Appetit“. Die Tafelfreude hingegen „ist von beiden meistens unabhängig“.
Im Ruhm seines Werkes konnte Brillat sich nicht mehr sonnen: Als er 1826, zwei Monate nach dem Erscheinen seines Buches an einer Gedächnismesse zu Ehren Ludwig XIV. teilnahm, zog er sich eine Lungenentzündung zu, der er wenige Tage später erlag. Grimond de la Reynière bemerkte über diesen unspektakulären Tod: „So schnell zu sterben, wenn es wenigstens noch an einer Unverdaulichkeit gewesen wäre!"

Eine Wiki-Biographie findest Du im Titellink