22. November 2011

Die Bedeutung des Begriffs „Armut“

Schon im frühen Frankenreich, Karl des Großen sahen es die Führenden und Mächtigen als ihre Aufgabe an, „die Armen“ zu beschützen.
Aber wer galt in diesen Zeiten als „arm“? Neuere Forschungen haben gezeigt, daß als „arm“ nicht nur galt, „wer im Elend lebte und vom Hunger bedroht war, während sich der Reiche mit Speisen vollstopfte“. Als arm galt auch auch, wer sich vorübergehend nicht selbst versorgen konnte und von anderen abhängig war. Arm waren die Unterdrückten; von den Großen Ausgebeutete, von Steureintreibern bedrängte Pächter, Bauern in den Händen von Wucherern, Karl der Große, beklagte sich umsonst darüber, „dass viele, die bekanntermaßen Freie sind, von den Großen gewaltsam unterdrückt werden, dass freie Männer zum Heeresdienst gezwungen werden oder der Willkür von Richtern ausgesetzt sind.
Zu den „Armen“ zählte auch, wer zu jung war, um für sich selbst einzutreten, wer das Greisenalter erreicht hatte, wer den Gatten oder die Eltern verloren hatte und wer Krank oder gebrechlich war.
Wer sich freiwillig oder gezwungen von seiner gewohnten Umgebung entfernt hatte, war ebenfalls arm. So mussten z.B. Pilger unterstützt werden die ihre Heimat verließen um an einen Wallfahrtsort zu beten. Auch ein Fremder der sich im Frankreich niederlassen galt als „pauper“.
„Wir, die Armen und Pilger, sind euch vielleicht lästig und unerwünscht, weil wir so zahlreich sind. Weil wir aufdringlich sind und weil wir dringende Bitten erheben“, schreibt der Ire Dungal an den Abt von Jumièges. „Aber,“ ermahnte er ihn, „hat Gott nicht gerade euch zu unserer Unterstützung eingesetzt?“
Schließlich gehörten auch Flüchtlinge aller Art in die Kategorie der „Armen“. Karl der Kahle verbot 853 seinen Amtsträgern, die Menschen zu behelligen, die ihr Land verlassen hatten, um den Bedrückungen der Bretonen und Normannen zu entfliehen. Er forderte man solle sie gastlich aufnehmen, bis sie nach Hause zurückkehren könnten.
Einige Jahre später beauftragte der Kaiser seine Grafen, diese Flüchtlinge zu registrieren, die Namen ihrer Herrn aufzuschreiben und Ehen, die in der Wahlheimat geschlossen worden waren, so gut wie möglich zu regeln. Auf der Suche nach Beschäftigung verdingten sich diese Unglücklichen häufig als Lohnarbeiter. Sie wurden dabei aber von den Grundherrn, die ihre Mittellosigkeit ausnützten, zu Leibeigenen herabgedrückt, oder kurzerhand an irgendeinen Großen verschenkt.
Die Kirche und der König waren im späteren Regime Ancién für die Versorgung der Armen verantwortlich. Im späten Regime Ancién ging dieser Pakt zwischen Herrscher, Kirche und Volk immer weiter auseinander, und obwohl Wohlhabende persönlich von der Armut der Bedürftigen ergriffen waren, war im 18. Jhdt. die Spendenfreudigkeit und Verantwortung der Kirche und der Herrschenden nicht mehr sehr hoch. Das aufstrebende Bürgertum hatte auch wenig Anlass zu Spenden an die Armen und so zeigten sich im Schatten der Aufklärung die ersten Vorboten der Revolution.

Text nach Pierre Riché, Die Welt der Karolinger, Seite 302